
Das Jahr 2002 hat seine Türe aufgemacht, ich bin mächtig gespannt, wie es dieses Jahr so laufen wird. Meine Hoffnung, meine Motivation auf bessere Zeiten ist nach wie vor uneingeschränkt. Alles begann wieder wie gehabt, mit KG, Ergo und Logo. Nadine wollte in den nächsten Wochen ausziehen. Bei diesem Gedanken wurde es mir richtig komisch. Da hatte ich vor meinen Schlaganfällen zu Nadine gesagt, du hast noch keine eigene Wohnung, aber die ist schon fertig renoviert. Ich hatte Nadine immer versprochen, wenn der Zeitpunkt kommt, mich um den ganzen Renovierungskram und auch um den Umzug kümmern werde. Planung und Konzept war und ist für mich ein und alles. Es war immer ein tolles Gefühl und ein großer Erfolg für mich, wenn alles perfekt geplant war und der Ablauf reibungslos funktionierte. Das war für mich immer ein innerlicher Vorbeimarsch. Der Gedanke tat jetzt verdammt weh, weil ich es nicht mehr konnte.
Plötzlich tauchte die Idee auf, dass ich ab April zu den Therapien in die jeweiligen Praxen fahren sollte. Hm dachte ich, die Idee ist gar nicht schlecht, aber irgendwie schien mir das noch zu früh. Als Frau Görke wieder zur Logo da war, erzählte ich ihr davon. Klingt ja nicht schlecht, sagte sie zu mir, doch sie würde weiterhin zu mir nach Hause kommen. Aber Herr Arens, sagte sie noch, wenn sie zur Ergo und KG fahren, dann nutzen sie die Chance, nach der Therapie, an einem geeigneten Platz ein Gehtraining zu machen. Das war eine gute Idee.
Als Jutta wieder zur Therapie erschien, habe ich ihr von Frau Görkes Vorschlag erzählt. Jutta war total begeistert. Mensch Peter, das ist genau das Richtige für dich. Derweilen waren Dany, Nadine und Philipp voll mit Nadines Umzug beschäftigt und ich saß nutzlos da. Der Gedanke, nicht helfen zu können, bohrte wie ein Messer in meinem Herz. Es kann sich keiner vorstellen, wie man sich fühlt, nichts tun zu können, - einfach Scheiße.
Ich versuchte die Zeit mit meinem Projekt „Brettchen“ auszufüllen. Ich begann mein Projekt neu zu berechnen und zu zeichnen und eine Idee nach der anderen schoss mir durch den Kopf. Aber, es war nicht das Richtige. Irgendwie verzettelte ich mich immer. Die Maße in der Zeichnung passten nicht. Da habe ich mir kurz entschlossen in Word einige Lineale hergestellt. Das war zwar eine knifflige Arbeit, doch es ging und ich habe in Word, womit ich diese Zeichnungen anfertigte, viel hinzugelernt. Während ich mit der Zeichnung intensiv beschäftigt war, erwischten mich von Besuchern öfters die Kommentare: "Na, biste wieder am Computer am Spielen?" Über so einen Schwachsinn konnte ich mich richtig ärgern. Aber, ich hatte ein Ziel vor Augen und das Brettchen nahm langsam Gestalt an.
Dany musste eines Tages noch mal nach Nadine. Während ihrer Abwesenheit bin ich zur Toilette. Als ich wieder zurück an meinen Schreibtisch ging und ich in Höhe Wohnzimmertüre war, klingelte es auf einmal Sturm. In diesem Moment habe ich mich dermaßen erschrocken. Ich zuckte blitzartig zusammen, sackte zusammen und fiel nach hinten. Es gab einen Knall, ich schlug mit meinem Hinterkopf erst gegen die Kante vom Heizkörper und anschließend schlug ich im Kücheneingang auf den Küchenboden, der zweite Knall schloss diese Aktion ab. Noch bevor ich diese Situation registriert habe, bin ich mit meiner Hand über den Hinterkopf gestrichen und habe abgecheckt, ob ich am Bluten war. Gott sei Dank, alles sauber. Anschließend habe ich versucht, einige Telefonnummern, Geburtsdaten, Autonummern, Farbrezepturen aus meinem Gedächtnis abzurufen. Prima, ich konnte mich erinnern und wusste auf die Schnelle alles, also keine Gedächtnislücken, nichts passiert. Dany war gerade fort, meine Nachbarn waren auch nicht da, kein Telefon zur Stelle und Philipp hat noch kein Schulschluss – tolle Wurst. Was hatte ich für ein Glück, dass ich schon auf Toilette war, ich möchte mir nicht ausmalen, was dann gewesen wäre.
Mit Kopf und Schulter lag ich im Eingangsbereich der Küche. Ich versuchte mich auf den Bauch zu rollen. Mit hängen und würgen ist mir das gelungen. Nach einer kleinen Pause versuchte ich rückwärts in den Flur zu robben. Man, was war das mühsam. Gott sei Dank waren keine Zuschauer da, das war eine reine Lachnummer. Leck mich einer am Arsch, was war das anstrengend, da kann man besser ein Klavier in den dritten Stock schleppen. Nach einer dreiviertel Stunde kam Philipp, - meine Erlösung. Ich habe ihm sofort zu verstehen gegeben, dass alles OK ist. Philipp hat mich bis zum Handlauf in unserem Flur gezogen. Dort bin ich mit seiner Hilfe wieder auf die Beine gekommen. Ich habe mich mit der linken Hand am Handlauf festgehalten, während Philipp mich in den Stand zog. Was wäre passiert, wenn ich geblutet hätte? Es wird Zeit, sich über Vorsichtsmaßnahmen Gedanken zu machen.
Jetzt weiß ich etwas mehr über die Hilflosigkeit!!!
Anfang März begannen Dany und ich, jeden Tag das Gehtraining auf der Treppe. Ich konnte mein rechtes Bein entgegen strecken, wenn Dany mir bei der Treppe half, einfach toll. Es funktionierte immer besser und ich bin das erste Mal alleine, ohne Unterstützung die Treppe hoch gegangen, - ein wahres Erfolgserlebnis. Wir haben beschlossen, eine Probefahrt vom Therapiezentrum Happel zur Jutta zumachen, um die Fahrzeit zu checken. Der Zeitpunkt kam, an dem Frau Sommerlade ihren letzten Termin bei mir hatte. Frau Sommerlade ging wieder in ihre Heimat zurück – schade. Mit Frau Sommerlade hatte ich in kurzer Zeit auch eine tolle Chemie erreicht. Frau Sommerlade hatte sich sehr viel Mühe gegeben, bei mir einiges zu erreichen. Sie hatte dafür gesorgt, dass mir nahtlos eine neue Ergotherapeutin zur Verfügung gestellt wurde.
Nun ging es zu den Therapien, für mich war es wieder ein großer Fortschritt.
Frau Rank, so hieß meine neue Ergotherapeutin, wollte mit mir die E-Technik versuchen. Sie hatte mir erklärt, was das ist und was sie macht. Aber das hat mir im ersten Moment nichts gesagt und wollte auch keine dummen Fragen stellen, ich würde das spätesten bei der Therapie kennen lernen. Philipp hatte bald Konfirmation. Die Frage, ob ich an diesem Tag mit in die Kirche wolle, habe ich klar und deutlich mit NEIN beantwortet. Das würde ich seelisch und moralisch nicht durchstehen. Was ist, wenn ich plötzlich auf die Toilette muss. Es hört sich immer einfach an, aber es ist nicht so. In solchen Situationen verstärkt sich die Spastik und wenn plötzlich Hektik auftaucht, dann ist es ganz vorbei. Ich lehne es strickt ab, mich solchen Situationen auszusetzen. Es kann sich keiner vorstellen, was ich dann für eine Not habe. Und, ich möchte unter diesen Umständen keine Veranstaltungen oder Zeremonien stören, dass wäre mir äußerst peinlich. Das wird kein gesunder Mensch verstehen können, egal wie intelligent er auch sein mag, weil ihm einfach die Vorstellungskraft fehlt.
Meine erste Therapiestunde bei Frau Rank stand bevor. Ich sollte mich auf der Liege entspannt auf den Bauch legen und nichts machen. Frau Rank begann mit der E-Technik. Mit ihren Fingern steuerte sie verschiedene Positionen, auf meinem Rücken, Hals und Kopfbereich an und übte dort leichten Druck aus. Der Spuk dauerte knappe 45 Minuten und ich konnte wieder entschwinden. Komische Therapie dachte ich. Auf dem Weg zum Parkplatz machte ich darüber meine Späßchen. Das ist ja Hokuspokus, Handauflegen, schwarze Magie, hui, Voodoo Zauber. Eines Tages schwebe ich noch durch den Raum und anschließend treten wir bei „Wetten, dass?“ auf. Als Dany mir ins Auto half, war ich total locker, meine Beine fühlten sich an, wie bei einer Schlenker Puppe, - ich war total überrascht.
Es hat etwas gedauert, bis wir die Termine mit Ergo und KG so hatten, dass wir nach der Ergo sofort zur Jutta fahren konnten. Wir hatten im Laufe der nächsten Wochen ein gutes Timing gefunden und waren am Mittag wieder zu Hause, aber ein halber Tag ging schon drauf. Der Tag kam, an dem Philipp konfirmiert wurde. Mir ging es an diesem Tag moralisch und seelisch beschissen, als alle in der Kirche waren. Ich war schon traurig, nicht dabei zu sein, gerade, wo es für Philipp wieder ein Lebensabschnitt war. Hätte ich mitgehen sollen? Was wäre, wenn ich auf die Toilette gemusst hätte? Hätte ich mich beherrschen können? So etwas ist nicht vorhersehbar. Der Schlaganfall hat einiges verändert. Man fühlt sich richtig verloren. Aber Philipp weiß, was los ist und hat bestimmt für meine Situation Verständnis. Dany hatte alles super organisiert und wir haben letztendlich diesen Tag prima und problemlos zu Ende gebracht. Wir konnten sehr zufrieden sein.
Wenn wir zur Therapie fuhren, war meine AOL Pulle (Urinflasche) immer dabei, sie war in Notsituationen eine ideale Lösung. Trotzdem habe ich mich immer mit dem Trinken so darauf eingestellt, dass alles reibungslos über die Bühne ging. Aber, es kam doch zu einer Notsituation. Auf dem Heimweg von Jutta mussten wir noch in unserer Kfz-Werkstatt etwas erledigen. Die Situation war entspannt. In der Regel verläuft so ein Vormittag problemlos. Doch dieser Termin dauerte länger wie geplant. Ich blieb solange im Auto sitzen. Langsam kam Druck in meiner Blase und ich wurde zunehmend nervöser. Es mag sein, dass ich mich in solchen Situationen selber verrückt mache, aber die Angst und die Panik ist enorm groß. Dazu kommt, dass sich die Spastik dabei erhöht und das Chaos nicht weit entfernt ist, ich wurde zunehmend nervöser. Mittlerweile habe ich einen Trick gefunden, wie ich die Spastik und somit den Blasendruck reduzieren kann. Ich reibe mit meinen Fingern im Bermudadreieck (Genitalbereich). Wenn ich Glück habe, dann verliert sich der Harndrang und die Spastik geht zurück. Aber das ist eine reine Glückssache und es kommt auf die Situation an.
Wenn mich einer sehen würde, würde er sagen: "Ey krass Alder, bist du Türke oder was?"
Während ich versuchte, meinen Harndrang und meine Spastik zu drosseln, kam Dany. Ich konnte noch nicht einmal „Gott sei Dank“ aussprechen, da sagte Dany zu mir: Na, biste wieder am Fummeln. Mit bösem Blick habe ich ihr zu verstehen gegeben, ich mu-u- uss, aber Haaaallo. Dany setzte den Wagen in Bewegung und fuhr über Land. An einem Waldstück haben wir halt gemacht. Dany spurtete aus dem Auto, die AOL Pulle im Anschlag an meine Seite. Schnell half sie mir aus dem Auto, Hose runter, AOL Pulle angedockt und dann....... wooaah, die Erlösung. Denkste, in unserer Notlage ist es schwer, den geeigneten Standort zu finden. Während wir mit meiner Erlösung beschäftigt waren, rauschten hinter uns die Autos vorbei und meine Kniescheiben fingen an zu rotieren. Aber, das war mir in diesem Moment scheiß egal. Dafür stellten wir fest, dass ich auf einem Holzknüppel stand. Jetzt fingen wir auch noch an zu lachen. Dieses erschwerte unsere Lage enorm. Ich fing auf dem Holz an zu schwanken. Die Situation schien zu kippen und ich klammerte mich mit meiner Hand an die Autotür... endlich, dass Schauspiel war vorbei, Gott sei Dank, die Erlösung. Ruckzuck haben wir die Zelte abgebrochen und sind gen Heimat gefahren.
Ein nächstes Problem tauchte auf, ich musste zum Augenarzt. Aber wohin? Das Problem ist die Treppe. Es geben wenige Ärzte, die ebenerdig sind, oder über einen Aufzug verfügen. Wir sind fündig geworden, ein Augenarzt, der ebenerdig ist. Aber, ebenerdig ist eine Auslegungssache. Eine kleine Hürde mussten wir doch überwinden. Für einen gesunden Menschen ist eine, ich sage mal, eine etwas größere Stufe kein Problem. Aber mit einem Rollstuhl sieht das etwas anders aus. Wenn ich meinen rechten Arm nutzen könnte, wäre das kein Problem, ich könnte mit beiden Händen meine Räder in Schwung bringen. Auch diese Hürde haben Dany und ich gemeistert und es ist ein Glück, dass wir beide ein eingespieltes Team sind.
Meine Zeichnungen für mein Brettchen waren fertig. Jetzt fehlt mir nur noch ein Modell davon. Woher nehmen und nicht stehlen. Wo könnte ich ein Modell fertigen lassen. Plötzlich hatte ich eine Idee. Ich kannte Dittrich Bergfeld, er war Industriedesigner und der Mann von Phillips Grundschullehrerin. Genau dachte ich, den werde ich mal anrufen. Gesagt, getan, ich hatte mit Dittrich einen Termin. Doch bevor Dittrich zum Termin kommt, sollte mir Dany ein Brötchen besorgen und wenn Dittrich da ist, ihm ein Frühstücksbrettchen mit einem Messer und dem Brötchen geben. Dany verstand nur Bahnhof. Wieso willst du Dittrich...? Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, unterbrach ich sie und sagte: Bitte, sei so gut und mache es so, wie ich es gesagt habe, es hat schon seinen Sinn.
Der Tag kam, und Dittrich auch. Nachdem wir unseren Smalltalk beendet hatten, wollte Dittrich wissen, was ich von ihm wollte. Ich gab Dany ein Zeichen und sie stellte Dittrich das Frühstücksbrettchen mit Messer und Brötchen auf dem Tisch. Und nun, wollte er wissen. Ich sagte, nimm eine Hand deiner Wahl und strecke sie hinter dem Stuhl und mit der anderen schneidest du das Brötchen durch. Er schaute mich an, als hätte ich einen Knall. Ja, sagte ich, versuche das Brötchen zu schneiden. Nee sagte er, dass funktioniert doch nicht. Wie soll ich mit einer Hand das Brötchen durchschneiden? Richtig antwortete ich, aus diesem Grund habe ich dich hergebeten. Dittrich verstand nur Bahnhof.
Ich holte meine Zeichnungen hervor und erzählte ihm von meiner Idee. Er besah sich meine Zeichnungen und sagte kurz und bündig, jetzt kapiere ich, was du willst. Ich erzählte ihm, dass ich mich in der Reha tierisch darüber geärgert habe, dass ich selber kein Brötchen schneiden und bestreichen konnte. Da ist mit die Idee mit diesem Brötchenschneider gekommen. Und nun zu meinem Anliegen, könntest du mir bitte ein Modell fertigen, damit ich was in der Hand habe, wenn ich darauf ein Patent anmelden möchte. Nein sagte er, du brauchst kein Modell. Die Zeichnungen sind so gut und so präzise, da erkennt jeder Patentanwalt auf Anhieb, um was es sich handelt. Ich fühlte mich auf Grund meiner Zeichnungen gebauchpinselt. Waren die wirklich so gut? Ich konnte mich immer auf Dittrichs Einschätzungen verlassen, denn er betrachtete alles ziemlich kritisch.
Mensch, sagte Dittrich, mit deiner Idee und dem Internet kannst du richtig Kohle verdienen. Überlege mal, was du da konzipiert hast, das ist nicht nur für Menschen mit einem Schlaganfall. Da gibt es noch jede Menge Menschen, die durch andere Erkrankungen, durch Unfälle oder die, die nur eine Hand zur Verfügung haben. Da steckt sehr viel drin. Dittrich hatte mir einen Patentanwalt empfohlen.
Die zweite Hürde mit meinem Projekt war genommen.
Dany hatte sofort bei diesem Patentanwalt einen Termin gemacht, den wir kurz darauf wahrgenommen haben. Mit meinen Zeichnungen, einem normalen Brettchen mit Messer und einem Brötchen bewaffnet, haben wir uns auf den Weg gemacht. Ich war gespannt, was mich erwarten würde. Wir nahmen im Esszimmer des Patentanwalts Platz und er kam sofort zur Sache. Er sagte uns, wenn wir nur eine Beratungsstunde bei ihm hätten, dann würde er uns die Stunde mit knapp 78 Euro berechnen. Wenn das mehr werden würde, würden wir eine Rechnung bekommen. Dany wollte ihm das Brettchen mit Zubehör bereit legen um den Sinn mit dem Brettchen zu erörtern, doch er sagte kurz, dass würde er nicht brauchen. Upps dachte ich, was ist das denn und wurde etwas unsicher. Es erschien der Eindruck, der nimmt mich nicht ernst. Der Patentanwalt beäugelte meine Zeichnungen. Nach einem Moment sagte er, seines Wissens gibt es in dieser Richtung schon Patente. Aber genaueres könnte er nicht dazu sagen. Er müsste in der Patentdatenbank recherchieren um zu sehen, wie die Sachlage aussieht. Es werden viele solcher Projekte geben, wo nur ein Patent drauf angemeldet ist und sonst nichts. Aber das könnte man nur durch eine Recherche feststellen. Er wollte in den nächsten Tagen die Datenbank des Patentamt durchforsten und mir dann bescheid geben.
Wir bestritten die nächste Hürde mit diesem Projekt.
Nach drei Wochen kam vom Patentanwalt ein Päckchen. Gespannt haben wir es geöffnet. Den ersten Schlag bekamen wir, als uns die Rechnung in die Hände fiel… Dnnerklort. Dany und ich wurden etwas blass. Wir haben uns das Begleitschreiben durch gelesen. Der Patentanwalt teilte uns mit, dass es in dieser Sache schon zahlreiche Patente gäbe. Ich würde nur ein Patent anmelden können, wenn ich etwas Neueres erfinden würde. Aber, die Möglichkeit bestünde, auf meinem Projekt ein Gebrauchsmusterschutz anzumelden. Die Preise für die einzelnen Anmeldungen hat er direkt mit aufgelistet. Wir waren erst mal baff und mussten die Rechnung in Ruhe verdauen. Uns war schnell klar, der Fehler lag bei uns, wir hätten uns im Voraus über die Kosten einer Recherche erkundigen müssen. Auf der anderen Seite hätte uns der Patentanwalt über die anfallende Kosten einer Recherche auch informieren können, vielleicht sogar müssen, dass wäre fairer gewesen. Wir waren scheinbar von den 78 Euro geblendet. OK, dieses Match habe ich verloren. Also musste ich mich um die Regulierung kümmern.
Ich hatte am Anfang unser Haushaltsbuch erwähnt. Mit diesem haben wir, trotz unserer Situation, unsere Finanzen voll im Griff und das weiß man bei der Bank. Und somit haben wir einen kleinen Spielraum. Ich habe unser Haushaltsbuch für diese Zeit so umstrukturiert, dass wir problemlos diesen Tiefschlag abarbeiten können.
Jutta hatte mit mir vor geraumer Zeit noch mal am Telefon über die Therapiepause vom letzten Jahr und was daraus entstanden war, gesprochen. Sie war der Meinung, dass sechs Wochen zu lange sind um mit der KG auszusetzen. Jutta meinte, dass ich wenigsten in dieser Zeit eine Vertretung die Therapie nehmen sollte, damit ich wenigstens etwas KG habe. Aber, sie würde uns noch früh genug daran erinnern.
Jutta hatte uns gebeten, für die nächsten sechs Wochen, wo sie wegen der Schulferien ihre Praxis geschlossen hat, für mich eine Vertretung zu suchen, diesmal wollte sie sicher sein, dass ich in dieser Zeit weiter Krankengymnastik bekommen würde. Bei meiner nächsten Ergotherapie hat Dany im Therapiezentrum Happel wegen einer Vertretung angefragt. Es war kein Problem während der sechs Wochen weiter betreut zu werden. Noch während der Terminabsprache kam Dany zu mir ins Behandlungszimmer und sagte: Ich frage mal, ob wir nicht ganz mit der Krankengymnastik hier bleiben können. Hm sagte ich, ob das sinnvoll ist? Dany konterte:
Dany eilte zur Anmeldung und machte alles klar.
Als wir wieder bei Jutta waren, hat Dany mit ihr darüber gesprochen. Sicher sagte Jutta, wenn das für euch Vorteile bringt, warum nicht, ihr könnt jederzeit wieder kommen, wenn es nicht funktionieren sollte. Ehrlich gesagt, ich hatte Jutta gegenüber ein schlechtes Gewissen, sie hatte mit Dany bei mir super Ergebnisse erzielt. Wohl war mir bei diesem Gedanken nicht, zwischen Jutta und mir bestand immer ein supertolles Verhältnis.
Am Spätnachmittag ging die Zauberkugel auf und durch den Nebel tauchte plötzlich Dr. Albacht wieder auf. Er machte es sich sofort vor mir bequem und fing in langgezogenen Wörtern an zu reden: Herr Arens, Pause – Pause – Pause, machen Sie sich bitte mal Gedanken, Pause – Pause – Pause, wo wir sie für ca. zwei Wochen unterbringen können, Pause – Pause – Pause, damit ihre Frau, Pause – Pause – Pause, mit einer Freundin in Urlaub fahren kann, weil, Pause – Pause – Pause, ihre Frau, ist überfordert. Nachdem ich zwei bis dreimal geschluckt habe, dachte ich: Nachtigall, ick hör dir trapsen.
Mein Adrenalinspiegel stieg und ich antwortete wie aus der Pistole geschossen, entweder ich gehe solange für diese zwei Wochen ins Krankenhaus, oder man friert mich solange ein. Meine Antwort passte Dr. Albacht nicht, dass konnte ich an seiner Reaktion sehen. Nun mal langsam, sagte er, machen sie sich doch erst einmal Gedanken. Innerlich zog Wut auf, die wollen mich vom Acker haben und ich soll für mir Quartier suchen – tolle Wurst. Irgendwie fühlte ich mich verarscht und hintergangen. Ich konnte Dany nicht verstehen, warum sie mir nichts davon gesagt hatte, warum musste sie Dr. Albacht vorschicken. Wir hätten doch eine Lösung gefunden. Das war mir sehr suspekt. Dany wollte am gleichen und nächsten Tag mit mir unsere Gymnastik machen, aber ich habe abgelehnt. Somit konnte ich etwas dazu beisteuern, um Dany nicht zu sehr zu überfordern.
Heute hatte ich bei Jutta meinen letzten Termin. Mit einem Scheißgefühl in der Magengegend und einem Blumenstrauß in der Hand, bin ich nach Jutta. Als Dany kurz zur Toilette war, habe ich Jutta von meiner Entscheidung, dass ich Dany vorrübergehend von ihrer Gymnastik mit mir suspendiert habe und habe ihr die Story mit Dr. Albacht erzählt. Jutta meinte darauf, Peter, wenn du Probleme hast, egal was, ruf mich an oder schicke mir eine E-Mail. Die Therapie war vorbei und mit einer Träne im Auge und gemischten Gefühlen bin ich nach Hause. Mein Kopf sagte, OK, wenn wir Zeit und Benzin sparen, mein Bauchgefühl sagte, das ist ein gravierender Fehler.
Die Ära Jutta war vorbei, eine neue Zeit brach an. Hoffentlich bewahrheitet sich nicht mein mulmiges Gefühl.
Wir hatten für die nächsten zwei Wochen die Ergo und die Physio ausgesetzt. In absehbarer Zeit stand mein 50ster und Danys 48ster Geburtstag auf dem Programm, da kommt einiges auf uns zu. Wenn ich an meinem Geburtstag denke, dann graut es mir. Mir wäre am liebsten, wenn nichts stattfinden würde. Das kommt mir seit meinem Schlaganfall vor, wie ein Pflichtprogramm. Was war das in den letzten Jahren immer schön, wenn wir an diesen Tagen im Ennstal in Österreich waren. Tja, das waren supertolle Zeiten. Na ja, vielleicht wird es doch nicht so schlimm.
Die Geburtstage und unser Kurzurlaub waren vorbei und die Therapien gingen weiter. Meinen ersten Physiotermin im Therapiezentrum Happel hatte ich bei Nichon. Der Start mit Nichon war nicht schlecht. Doch nach ein paar Terminen stellte sich heraus, Nichon war die Arbeit mit mir zu anstrengend, da Nichon Nachwuchs erwartete. Schade, aber ihre Situation hatte Vorrang. Dafür übernahm mich Petrina. Sie hatte ein etwas anderes Konzept wie Nichon, aber es war durchaus vertretbar und es ziemlich ähnlich mit Juttas Arbeitsweise. Petrina ging ganz schön zur Sache. Ich musste mit meinem Hinterteil eine Brücke machen, was hieß, Arsch hoch. Dehnen, passiv durchbewegen und abwechselnd mit den Beinen in der Luft Fahrradfahren, stand ebenfalls auf der Tagesordnung. Ich habe mächtig auf der Therapieliege geackert. Zweimal in der Woche auf der Therapieliege, einmal an der Sprossenwand. Bevor die Therapie an der Sprossenwand zu Ende war, musste ich eine Runde durch den Therapieraum gehen. Petrina lobte mein Gang Bild. Wenn es mal nicht gut war, was ich auch selber gemerkt hatte, sagte sie. OK, auch wenn der Tag nicht besonders war, es war trotzdem gut. Sie hatte mich nie kritisiert. Petrina hatte eine angenehme Art an sich und die Chemie zwischen uns war echt gut.
Derweilen ratterten meine Gedanken, wie ich den Brötchenschneider verändern könnte. Diese Idee von diesem Brötchenschneider hatte mich voll im Griff und ich war mir sicher, mir fällt noch was ein. Meine Ergotherapeutin Frau Rank hatte Urlaub. Als Vertretung wurde Frauke an meiner Seite gestellt. Frauke kannte ich schon, sie war im letzten Jahr mit Frau Sommerlade bei mir zu einem Termin. In den nächsten zwei Wochen hatte ich bei Frauke eine aktivere Therapie, als wie bei Frau Rank. Hm dachte ich, da ist ja mehr Power drin, als in der E-Technik, obwohl die E-Technik doch einige positive Resultate aufwies. Doch körperliche Aktivität war mir schon lieber. Dany ging einfach auf Frauke zu und hat sie unverblümt gefragt, ob ich nicht bei ihr bleiben kann. Klar sagte sie, ich muss das nur mit Frau Rank klären, kein Problem. Wenn ich das nach ein paar Mal Therapie mit Frauke beurteilen darf, stimmte die Chemie zwischen ihr und mir 100%ig. Es war so, als würden wir uns schon Jahre kennen. Bei meinem vorletzten Termin bei Frau Rank sagte sie zu mir: Herr Arens, ich habe etwas Neues in der E-Technik gelernt, darf ich das bei ihnen anwenden? Klar sagte ich, machen Sie mal.
Ich lag mit dem Rücken auf der Liege, Schuhe und Strümpfe ausgezogen und meine Beine waren mit einer Decke zugedeckt. Frau Rank dämpfte das Licht und bat mich, mich zu entspannen. Frau Rank umpackte vorsichtig meine Fußgelenke und übte immer einen leichten Druck aus. Langsam arbeitete sie sich beidseitig Richtung Knie. Anschließend ging diese Tour wieder Richtung Fußgelenke. Der ganze Spuk dauerte 45 Minuten. Die Vorstellung war vorbei und wir machten uns auf den Weg nach Hause. Im Auto erzählte ich Dany von dieser Therapie und steckte diese in die Kategorie „Hokuspokus“.
In der Tat, es war mehr als „Hokuspokus“. Dany stellte mich an der Treppe ab. Sie ging vor und schloss die Wohnungstüre auf, während ich mich bis zur ersten Etage auf den Weg machte. Ich staunte nicht schlecht. Die Stufen gingen superleicht, so superleicht, ich hätte zwei Stufen auf einmal nehmen können. Ich bin in einem die zwei Etagen gegangen, ohne einmal stehen zu bleiben. Als ich am Schreibtisch ankam, sagte ich zur Dany, rufe bitte Frau Rank an und erzähle ihr von meinem Erlebnis. Ich war mir überzeugt, in mir steckt noch jede Menge Potential, - ich werde eines Tages wieder besser gehen können.
Im Laufe der Zeit meinte Dany, die frühmorgens stärker gewordene Streck Spastik in den Beinen würde an meiner Matratze liegen. Sie war nicht einfach auszutauschen. Da wir ein französisches Bett haben, kommt nur ein neues Bett in Frage. Ein anderes Problem stand schon länger im Raum. Wenn wir außer Haus gingen, musste Dany den Rollstuhl jedes Mal von der Wohnung zwei Etagen runter in die Garagen und auch wieder hoch in die Wohnung schleppen. Eine mühselige und anstrengende Prozedur für Dany. Wir sind kurzer Hand nach Hilchenbach gefahren. Wir haben uns mit Frau Rehbein, Leiterin der Ergo Abteilung getroffen, damit sie uns für unser Problem, einen leichteren Rollstuhl zeigen sollte. Sie sagte uns, dass wäre blödsinnig, wir sollten bei der Krankenkasse einen zweiten Rollstuhl für die Wohnung beantragen. Diesen würde man uns bestimmt problemlos bewilligen.
Dany hatte am nächsten Tag bei der Krankenkasse angerufen, unser Problem geschildert. Obwohl ich in der Wohnung gehe, war der Rollstuhl ein wichtiges Instrument. Wenn’s brannte und ich dringend, oder auch in der Nacht zur Toilette musste, war Eile angesagt, da war ich schon auf den Rollstuhl angewiesen. Und abends beim Fernsehen habe ich auch im Rollstuhl gesessen. Gleichzeitig hat Dany danach gefragt, wenn wir uns ein neues Bett mit Motorrahmen zu legen, ob wir mit einer Beteiligung der Krankenkasse rechnen können. Man hatte Dany nahe gelegt, ein neues Bett zu kaufen, eine Verordnung vom Arzt für einen Motorrahmen mit geeigneter Matratze und einen Rollstuhl für die Wohnung ausstellen zulassen und bei der Krankenkasse einzureichen.
Die Verordnungen für einen zweiten Rollstuhl und den Motorrahmen samt geeigneter Matratze waren ausgestellt und bei der Krankenkasse eingereicht. Jetzt muss nur noch ein geeignetes Bett her. Dany ist mit ihren Eltern losgezogen und hat einige Möbelhäuser im Umkreis abgeklappert. Es schien so, als würde es nichts Passendes für uns geben. Plötzlich sagte Dany, ich gehe mal eben zu Möbel Happel und schaue da mal nach. Möbel Happel ist gerade mal 500 Meter von uns entfernt. Es dauerte keine Stunde und Dany war wieder zurück. Ich habe ein geiles Bett gefunden und es ist gar nicht so teuer. Dieses lässt sich in der Mitte auseinander klappen und auseinander fahren und, es wäre für mich beim Betten machen eine große Erleichterung, strahlte Dany. Als unsere Eltern davon erfuhren, haben sie spontan gesagt, die Kosten würden sie zu je 50% übernehmen. Es ist schön zu wissen, wenn plötzliche Unterstützung im Raum steht.
Der Motorrahmen und ein zweiter Rollstuhl waren genehmigt. Wir konnten Möbel Happel grünes Licht geben. Als das Bett aufgebaut war, kam Herr Wertmann, technischer Medizinmann vom Sanitätshaus Müller Betten, wegen dem Motorrahmen und dem zweiten Rollstuhl für Wohnung. Er hat die Maße für den Motorrahmen genommen und setzte sich zu mir ins Wohnzimmer. Hier wurden die Maße für den zweiten Rollstuhl notiert. Komisch dachte ich, da war doch vor zwei Jahren vom Sanitätshaus Müller Betten jemand da und hat für meinen jetzigen Rollstuhl schon die Maße genommen, die müssten eigentlich bei denen im Computer sein. Das habe ich Herrn Wertmann gesagt. Neeiinnn, pustete er sich auf, da verlasse ich mich nicht drauf, wenn ich so etwas mache, dann auch vernünftig.
Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, sagte Herr Wertmann zu mir: Herr Arens, sie müssen unbedingt abnehmen und außerdem... warum ziehen Sie nicht nach Köln an den Rhein, da ist doch alles viel flacher als hier. Nee, nee sagte ich, so was kommt für mich nicht in Frage, auch nicht, wenn ich von A-Z voll der „Kölner“ bin. Mit einem langgezogenen... ach Herr Arens, ich habe einen Kunden, der hat eine Wohnung direkt am Rhein und stiert den ganzen Tag auf den Rhein. Wissen Sie Herr Arens, so etwas ist Lebensqualität. Booah dachte ich, der Kerl will mir ein Ohr abkauen. Ich habe mich dem Herrn Wertmann heftig zur Wehr gesetzt. Glauben sie Herr Wertmann gab ich zum Besten, ich würde mir eine solche Wohnung direkt am Rhein nehmen, damit ich stundenlang, ohne zu denken auf den Rhein stiere, um meine Lebensqualität zu verbessern. Wir hatten eine lebhafte Diskussion und mir schien, als wollte er mir ´ne Klingel am Sack labbern.
Was fällt dem Heini eigentlich ein? Wie kann der so einen Scheiß labern, der absolut keinen Schnall hat und mich noch nicht einmal kennt. Der weiß doch hinten und vorne nicht, was gebacken ist, - der hat den Schuss nicht gehört. Also, wieder so ein Spezialist aus der „Pünktchen und Anton Fraktion“. Als sich Herr Wertmann verabschiedete, sagte er mir tatsächlich: Herr Arens, setzen sie sich ruhig durch und benutzen Sie öfters mal den bewussten Mittelfinger, dann klappt bestimmt vieles besser.
Was wir nicht für möglich gehalten haben, das Sanitätshaus Müller Betten tanzte pünktlich an und lieferte den Motorrahmen samt dem zweiten Rollstuhl an. Aber, der Motorrahmen passte nicht. Plötzlich war großes Rätselraten angesagt. Mein Gott, was haben die Monteure von Müller Betten geflucht. Was war passiert? Keiner wusste was los war. Nur Dany und ich wussten, es klappt absolut gar nichts auf Anhieb bei diesem Sanitätshaus. Dany hat sofort bei Möbel Happel angerufen und dieses Dilemma geschildert. Zum Glück hat uns Möbel Happel den geliehenen Motorrahmen samt Matratze solange noch zur Verfügung gestellt, bis das Sanitätshaus Müller Betten den Auftrag ordnungsgemäß erfüllt hatte.
Ich war geladen, keine Reaktion vom Sanitätshaus Müller Betten. Da trifft man wieder auf eine Hilfslosigkeit. Alles blieb wieder an Dany hängen. Das kann doch nicht wahr sein. Während ich mich über diese Schlamperei ärgerte, setzte Dany noch einen oben drauf. Dany schob den zweiten Rollstuhl ins Wohnzimmer. Nach einer Probefahrt mit diesem Monstrum sagte ich: Booah, was sind das Knallschoten. Der Rollstuhl passte haarscharf in die Toilette, eine Bild Zeitung hätte keinen Platz mehr zwischen Räder und Türrahmen und das Monstrum ist voll straßentauglich.
Da habe ich mich gefragt:
Da ist mir der Draht aus der Mütze gesprungen. Ich habe mich sofort hingesetzt und ein Fax an Herrn Wertmann verfasst, - und zwar in „deutscher Sprache“, damit er das auch versteht. Zum Schluss habe ich geschrieben: Sie haben mir geraten, öfters den Mittelfinger zu zeigen… das tue ich hiemit!
Es war mir klar, dass ich mit meinem Fax in ein Wespennest stechen würde, aber das war mir scheißegal. In der Tat, direkt am Anfang der Woche meldete sich Herr Wertmann und vereinbarte mit uns einen neuen Termin.
Er fuhr schweres Geschütz auf, brachte eine monströse Digitalspiegelreflexkamera mit, um alles im Bild festzuhalten. Er war regelrecht baff, dass er die Sache mit dem Motorrahmen bei seinem ersten Termin verkackt hatte. Tatort Schlafzimmer: Es wurden zahlreiche Fotos gemacht, so als Beweisaufnahme für die bevorstehende Aktion. Die Maße meines Bettes wurden erneut aufgenommen und wievielmal nachgemessen. Als er mit seiner Arbeit fertig war, hat er mir gesagt, wie sehr ihn der Inhalt meines Fax getroffen hat. Ich bin da nicht auf große Diskussionen eingegangen und habe ihm gesagt: Dann war das Fax genau richtig. Wenn er unüberlegt und ohne unsere Situation zu kennen, seine Sprüche vom Stapel lässt, dann brauch er sich nicht zu wundern, wenn er Feuer bekommt und man mit ihm deutsch spricht. Zum Schluss habe ich ihm gesagt: Herr Wertmann, ich bin zwar behindert, aber nicht blöd, - und die Idee mit dem Mittelfinger stammte letztendlich von ihnen. Diesen sollte ich in bestimmten Situationen anwenden und das habe ich hiermit getan. Es war ihm anzusehen, dass ihm meine Reaktion nicht passte und zog kleinlaut von dannen.
Scheinbar hat mein Unmut Wirkung gezeigt. Zwei Tage später kam die Mannschaft wieder, um „endlich“ ihren Auftrag auszuführen. Plötzlich schallte der Satz durch die Wohnung: Der passt ja wieder nicht! Bevor mich die totale Wut erreichte, schob der andere Mitarbeiter den Satz nach: Stopp, wir müssen nur die Bügel entfernen, dann passt der Rahmen ins Bett. Hurra, die Bevölkerung klatscht Beifall. Man siehe und staune, sogar den Rollstuhl hat man in angemessener Ausstattung ausgewechselt. Diesmal ordnungsgemäß, dafür ohne Sitzkissen. Als der Spuk vorbei war, hat Dany bei Möbel Happel angerufen, damit sie endlich den geliehenen Motorrahmen samt Matratze wieder abholen können, es ist alles in trockenen Tüchern.
Trotzdem musste Dany wegen dem Sitzkissen im Sanitätshaus anrufen. Man versprach uns, dieses Sitzkissen schnellstens nachzuliefern. Man staune, man staune. Kurz darauf kam die Post mit einem riesengroßen Paket vom Sanitätshaus. Ich sagte zu Dany: Die schicken ein Sitzkissen mit einem Rollstuhl dran. Es ist kaum zu glauben, da wird ein Sitzkissen von knapp 40 x 40 cm in einem riesengroßen Karton geschickt.
Soviel zum Thema "wirtschaftliches Arbeiten".
Endlich konnten wir wieder in Ruhe zur Therapie fahren. Die Termine für Physio und Ergo lagen jetzt sehr gut beieinander. An einem Tag im November hatten wir eine etwas größere Lücke. Nach der Physiotherapie hatten wir uns einen Moment in der Warteecke der Praxis aufgehalten. Nach kurzer Zeit kam Frauke und bat uns, schon mal in den Behandlungsraum zu gehen. Wir hatten noch etwas Zeit und ich bat Dany, mit mir vorher die Toilette aufzusuchen. Die Toiletten waren für Menschen mit Behinderung sehr unfreundlich gestaltet, dementsprechend war der Besuch jedes Mal ein Abenteuer. Die Angelegenheit war erledigt und ich sagte zu Dany: Wenn wir noch einen Moment Zeit haben, dann gib mir den Stock und ich werde in den Therapieraum gehen. Ich war kaum aus der Toilettentüre, da kläffte mich die Physiotherapeutin Anne an: Herr Arens, sie müssen die Füße weiter auseinandersetzen. Blitzartig konterte ich: Was glauben sie wohl, warum ich zur Therapie komme. Unsere Freundschaft wurde hiermit besiegelt.
Der Tag war gekommen, an dem Frau Görke die letzte Logostunde bei mir abhielt. Frau Görke hatte es schon vor einiger Zeit angekündigt, dass sie sich beruflich verändern würde. Wir hatten bereits im Vorfeld darüber gesprochen, ob ich die Logopädie weiter fortführen sollte. Frau Görke meinte, es wäre nicht notwendig, da mein Sprechen sehr gut wäre. Also haben wir beschlossen, die Logopädie nicht weiterzuführen. Die Logo mit Frau Görke hat viel Spaß gemacht. Sie hatte immer gute Ideen gehabt und hat mich in Gesprächen immer auf Fehler hingewiesen. Dank der guten Arbeit von Frau Görke konnte ich mein Sprechen weiter stabil ausbauen.
Weihnachten stand wieder vor der Türe, somit eine schreckliche Zeit für mich. Ich habe diese Zeit genutzt, an meinem Brettchen weiter zu tüfteln. Eine Zeichnung nach der anderen flatterte über meinen Monitor. Es war schon ziemlich nervig, warum ich da nichts zustande brachte. Immer wieder habe ich mich dem Computer abgewendet, die Augen geschlossen und mir vorgestellt, was ich brauche, damit ich mit einer Hand ein Brötchen schneiden kann. Es war mittlerweile ein Geduldsspiel geworden. Aber, ich lasse mich nicht beirren, da wird mir bestimmt was einfallen. Zwischenzeitlich habe mich um die ganze Weihnachtpost gekümmert und versuchte, diese jedes Jahr etwas anderes zu gestalten. Das hätte ich mir vor ein paar Jahren im Traum nicht vorgestellt, dass ich mich so gegen Weihnachten sträuben würde. Aber, ich bin nicht alleine, da sind noch andere Familienmitglieder, Dany, die Kinder, meine Eltern, meine Schwiegereltern und Danys Schwester. Da heißt es, sich am Riemen zu reißen. Obwohl ich da nichts mehr mit am Hut habe, geht es doch einigermaßen gut über die Runden. Ich bin immer froh, wenn der zweite Januar erreicht ist, - und wieder stellt sich die Frage, was wird das neue Jahr bringen.

Humor ist eines der besten Kleidungsstücke,
die man in Gesellschaft tragen kann.