
Das neue Jahr begann und wir hielten an unserem Konzept fest. Auf einmal hatten wir eine Planung und ein Konzept. Dany machte mit mir dieselbe Therapie, wie sie Jutta mit mir machte, Arm, Rumpf, etc. und vor allem, Dehnen. Dany war zwar nur ein Laie, doch sie machte ihre Arbeit verdammt gut. Dieselbe Prozedur fand auch am Nachmittag statt. Zwischendurch ging ich ins Schlafzimmer und Dany dehnte meine Beine in der Spreizung. Meine Beine reichten von einer Seite des Bettes zur anderen. Während ich einige Minuten so liegen blieb, machte ich logopädische Übungen. Anschließend ging ich ins Wohnzimmer, setzte mich auf den Hocker vor die Rückseite unserer Couch, steckte meine Füße darunter und machte Bauchmuskelübungen, während Dany hinter mir zur Sicherheit stand. Trotz des entzündeten Zehennagels konnte ich den Fuß gut unter die Couch stecken.
Das Prinzip funktionierte ganz gut. Als Jutta im neuen Jahr wieder kam, erzählte sie uns, sie wären in den Sommerschulferien mit der ganzen Familie nach China eingeladen, sechs Wochen lang. Max, mein Cousin hatte geschäftliche Beziehungen nach China und wollte diese Chance nutzen, geschäftliches und Urlaub verbinden. Jutta war über meinen Zustand und meine Fortschritte sehr erfreut. Als in der Therapie wieder Dehnübungen gemacht wurden, konnte Jutta mein rechtes betroffene Bein, über meine linke Körperhälfte, bis ans Kopfteil unseres Bettes dehnen, während ich normal im Bett lag und mein linkes Bein gerade gestreckt liegen blieb. Dasselbe funktionierte auch mit dem linken Bein, - unsere ganze Arbeit wurde mit Erfolgen belohnt. Mein Gang Bild wurde zunehmend besser. Auch wenn es gut ging, war ich noch nicht zufrieden, es war noch jede Menge Arbeit notwendig. Die Lust, die Motivation und die Arbeit stimmte, also nichts wie ran, es geht aufwärts. Mitte Januar kam eine neue Ergotherapeutin. Frau Kaiser, so hieß die Therapeutin, war von meiner Rumpfstabilität richtig begeistert. Sie klinkte sich sofort in den Rhythmus der Therapie ein.
Die Zeit verging sehr schnell und Philipps Geburtstag nahte. Ich habe mich auf diesen Tag tierisch gefreut. Am Tag des Geburtstags hatte ich Dany gebeten, mir meine anthrazitfarbene Tuch Hose anzuziehen. Es war ein irres Gefühl, nach über einem Jahr wieder eine gescheite Hose und gescheite Schuhe anzuhaben, ich war ein völlig neuer Mensch. Ehrlich gesagt, Joggingklamotten mögen bequem sein, aber das ist nicht meine Welt, ich fühle mich immer wie ein Camper.
Ein großer Erfolg...
dieser Dank geht an
Jutta und Dany.Ohne ihren Einsatz wäre ich nicht so schnell wieder ans Gehen gekommen und würde diese Lobeshymnen, die ich heute geerntet habe, nicht genießen können.
Ein unbeschreibliches Gefühl!
Nachdem Kaffee musste ich auf die Toilette. Der Weg wurde frei gemacht und ich setzte mich in Bewegung. Als ich an der Wohnzimmertüre angelangt war, hörte das Geschnatter plötzlich auf und es wurde heftig getuschelt. Hans-Martin saß neben meinem Vater und eine lobenswerte Bemerkung nach der anderen kam über ihre Lippen, toll, was kann Peter schon wieder gut gehen. Das ging mir runter wie Öl. Auf dem Weg zur Toilette dachte ich, Mensch Peter, du bist auf den richtigen Weg. Unfassbar, ich hatte ein aufgerichtetes Gang Bild, sowie es immer von den Therapeuten gefordert wurde. Ich konnte mit meinem betroffenen Bein richtige Schritte machen, mit der Verse aufsetzen und konnte fast den Fuß abrollen. Das war geballte Motivation.

Am folgenden Samstag kam das Pizza Taxi. Ich hatte Gyros bevorzugt, da ich keinen Käse mag. Alle waren zufrieden und ich trank mit Dany noch ein Glas Wein. Während ich an meinem Schreibtisch saß, musste ich immerzu husten. Vielleicht lag es am Gyrosgewürz, dachte ich. Das war mit letztendlich egal, es hat alles vorzüglich geschmeckt, der Geburtstag war ein Erfolg und ich war zufrieden. Der Tag war gelaufen und wir gingen zu Bett.
Als ich an diesem Morgen wach wurde, stellte ich fest, dass ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte. Auch die Beweglichkeit meines Körpers war schlechter als schlecht. Ich hatte das alles im ersten Moment nicht richtig verdrahtet. Was mag das sein? Warum kann ich mich nicht mehr bewegen? Was ist los? Blitzartig erinnerte ich mich, - genau vor einem Jahr in der Reha, auch an einem Sonntag, da lag ich auch sehr stark eingeschränkt im Bett. Ach du Scheiße, es wird doch wohl nicht wieder ein Schlaganfall sein. Ich hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da pochte mein Herz bis zum Hals. Ich wurde unruhig und bekam höllisch Angst, große Angst. Was ist, wenn es wirklich wieder ein Schlaganfall ist. Ich habe das schon zweimal erlebt und weiß haargenau, was das heißt. Mein Herz raste und ich sah mich schon im Rettungswagen Richtung Krankenhaus. Leck mich am Arsch dachte ich, was soll ich machen. Angst, Panik, alles gab sich in diesem Augenblick die Hand. Ich fing vor lauter Verzweiflung an zu weinen. Dany wurde darüber wach und sagte, was hast du. Hastig hatte ich ihr meinen Zustand geschildert. Komischerweise blieb Dany ruhig. Sie sagte, ich bringe dir jetzt die AOL-Pulle, derweilen mache ich mich fertig und anschließend stehst du auf. Ich habe das gar nicht so wahrgenommen, was Dany sagte, ich war zu sehr mit meinem merkwürdigen Zustand beschäftigt.
Nachdem mich Dany fertig gemacht hatte, wollte ich ins Badezimmer, was gerade knapp 3 Meter um die Ecke war, gehen. Ich konnte weder gehen, geschweige noch stehen, - nichts ging mehr. So, dachte ich, dass ist mein Ende. Dany versuchte, die Situation zu entschärfen. Setz dich aufs Bett und ich bringe dir einen Waschlappen. Kurz darauf kam sie mit einer kleinen Schüssel, Zahnputzbecher und Zahnbürste. So, sagte sie, putzt du dir mal die Zähne, dann sieht das schon anders aus. Während sie versuchte, mich lieb zu beruhigen, rannten in meinem Inneren Angst und Panik um die Wette.
Dany chauffierte mich im Rollstuhl ins Wohnzimmer. Ich fing wieder an zu weinen und stammelte, ich habe Angst, ich habe Angst, was ist, wenn es wieder ein Schlaganfall ist. Dany rief sofort Dr. Albacht an und schilderte den Fall. Er versprach, schnellstens zu kommen. Obwohl es Sonntag war, war es mir in diesem Moment egal, ihn zu belästigen. Immer wieder tauchte der Gedanke auf, wenn er mich untersucht hat, dann eilt er wieder ans Telefon und bestellt den Rettungswagen. Zu genau hatte ich die Bilder vom 16.11.1999 vor Augen und das machte mich wahnsinnig. Endlich war der Dr. Albacht da. Wie und was Dr. Albacht untersuchte, war mir scheißegal, ich wartete nur auf seinen Griff zum Telefon. Es hat nicht lange gedauert und Dr. Albacht sagte: Herr Arens, sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, es ist alles in Ordnung, sie haben eine rechtseitige Bronchitis. Plötzlich gab es einen großen Knall, mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Kein Rettungswagen, kein Krankenhaus, keinen Neuanfang, nichts, ich bleibe zu Hause. Wenn ich nicht so abgeschossen wäre, hätte ich vor lauter Freude brüllen können. Dr. Albacht verschrieb mir ein Medikament, welches ich täglich nehmen sollte. Bis Ende der Woche sollte es mir wieder besser gehen, so Dr. Albacht. Nachdem Dr. Albacht wieder verschwunden war, bin ich wieder ins Bett und habe den ganzen Sonntag geschlafen.
Am nächsten Morgen haben wir die gleiche Prozedur wie am Sonntagmorgen gemacht. Meine Morgentoilette fand an der Bettkante statt. Anschließend habe ich im Wohnzimmer einen Kaffee getrunken und einen kleinen Elefantenteller gegessen. Ein Elefantenteller ist ein Teller mit klein geschnittenem Obst. Diesen habe ich ruckzuck verzehrt. Auf andere Sachen hatte ich keinen Appetit, und das sagt mir, ich bin krank. Dany wollte mich wieder ins Bett bringen, doch ich verneinte. Da liege ich doch nur blöd herum, ich bleibe lieber hier, höre Musik oder schaue was Fernsehen.
Safety Car
So nennen wir unseren Rollstuhl. Diesen nutzen wir, wenn es mal schnell gehen muss.
Es hat den Vorteil, wenn ich Safety Car rufe, dann eilt man sofort, ohne vorher große Diskussionen zu führen, warum, wieso und weshalb mit dem Rollstuhl herbei. Meistens drückt es und die Toilette wird angesteuert.
So eine Absprache macht Sinn.
Für die kommende Woche waren Improvisationen angesagt. Toilette wurde nur angesteuert, wenn ein größeres Bedürfnis anlag, ansonsten musste die AOL-Pulle herhalten. Da ich kein Bettmensch bin, bevorzugte ich, die nächsten Tage meine Zeit im Rollstuhl totgeschlagen. Am Mittwoch ging es mir ein bisschen besser und bin ich wieder auf meinen Bürostuhl gekrabbelt, dort habe meine Zeit am Computer verkürzt. Langsam ging es mir besser und der Appetit kam wieder zurück.
Am Freitagmorgen, nach dem Frühstück, sagte ich zu Dany: Ich werde gleich mal versuchen, zur Toilette zugehen, wenn’s nicht geht, nehmen wir das Safety Car. Etwas unsicher stand ich auf, schnappte mir den Stock und machte vorsichtig den ersten Schritt. Hm, nicht schlecht, dachte ich und machte sofort den zweiten Schritt, es ging super leicht und es schien, als wäre nichts gewesen. Als ich in der Mitte des Zimmers war, rief ich: Dany, Dany, schau mal wie ich gehe. Von meiner Gehqualität hatte ich nichts eingebüßt und bin sofort weiter zur Toilette gegangen. Ich war so glücklich und habe im Nachhinein eine Ehrenrunde durch die Wohnung zu gehen.
Am gleichen Morgen riefen wir noch bei Jutta an und erzählten ihr von meinem tollen Ereignis. Jutta schlug uns vor, die Therapie noch knapp zwei Woche auszusetzen, damit ich mich in Ruhe noch erholen kann, schließlich wäre mein Körper noch geschwächt. Dany sollte mich bei Bedarf ein kleines bisschen passiv durchbewegen und dehnen. Der Vorschlag klang nicht schlecht, genau so haben wir das mit Frau Kaiser, meiner neuen Ergotherapeutin gemacht, während die Logopädin, Frau Görke, ihre Therapie wie gewohnt durchführte, die nicht so anstrengend war und brauchte da nur meine Klappe auf und zu zumachen.

Es war genau richtig, wie Jutta gehandelt hatte. Dany hatte mich mit leichten Übungen in der Therapie über Wasser gehalten. Nach zwei Wochen kamen Jutta und Frau Kaiser wieder und begannen vorsichtig mit der Therapie. Langsam steigerten die Therapeuten ihre Arbeit. Jutta und Frau Kaiser hatten ein super tolles Konzept was den therapeutischen Ablauf anging und Dany als „Version Jutta2.0“ klinkte sich mit ein. Frau Kaiser machte mit mir auf dem Hocker die Therapie. Bevor Frau Kaiser loslegte, wurde mein betroffener Arm gebürstet. Die Bürste schien ein beliebtes Instrument zu sein und welches auch Wirkung zeigte.
Eines Morgens kam Jutta, und auch bei ihr war der Hocker angesagt. Aber Hallo, es ging richtig zur Sache. In dieser Stunde war von unserem verwandtschaftlichen Verhältnis nichts zu spüren, - Jutta ging ran wie ein Nahkämpfer. Himmel Arsch und Wolkenbruch, an diesem Morgen habe ich den Hocker verflucht. Ich musste meinem Oberkörper ganz weit nach unten beugen und mich gegen den Druck von Jutta wieder aufrichten. Obwohl Jutta eine zierliche Gestalt war, dachte ich, ich hätte einen Schrank auf meinem Buckel – „bin ich zu schwach, sind die anderen zu stark“.
Die Therapie lief wieder ganz normal. Jutta kam ausnahmsweise mal an einen Samstagnachmittag. Wir hatten, wie bereits im Vorfeld erwähnt, mit Jutta vereinbart, dass sie mit den Terminen frei handhaben konnte. Und wenn Jutta, egal aus welchen Gründen, Urlaub, Krankheit etc. nicht konnte, hat Dany zusätzlich ihren Part übernehmen. Somit war in der KG immer volles Programm angesagt, was letztendlich den Erfolg ausmachte. An diesem Samstag hat mich Jutta auf der Gymnastikmatte im Wohnzimmer therapiert. Auch hier musste ich wieder mächtig ackern, - was sonst. Jutta hatte immer ein Ass im Ärmel, um in der Therapie noch einen drauf zusetzen. So Peter, jetzt drehe dich bitte mal auf den Bauch. Diese Nummer, die jetzt kam, war zirkusreif. Ich wälzte mich auf den Bauch. Verflucht, dass ging ja viel schwieriger, als im Bett. Als Jutta mit ein paar Dehnübungen fertig war sagte sie zu mir: so, jetzt versuchen wir in den Vierfüßler Stand zukommen. Ach du Scheiße dachte ich, was ist jetzt los?
Irgendwie sträubte sich mein Körper, doch Jutta kannte kein Pardon. Außenstehende hätten sich bei dieser Nummer schlapp gelacht. Aber, ich muss gestehen, es hat funktioniert und habe wie ein angeschossener Bär auf der Gymnastikmatte im Vierfüßler Stand gekniet. Leider habe ich mich zu früh gefreut, diese Nummer war damit noch nicht beendet. Nein, Jutta hatte noch ein weiteres Ass im Ärmel. Jetzt musste ich meinen Oberkörper so aufrichten, sodass ich auf der Matte kniete. Ich war so überrascht, ich hatte noch nicht einmal Zeit, um meine Schweißperlen auf meiner Stirn zu platzieren. Das war der Hammer, ich kniete auf der Matte, Jutta und Dany hatten mich zum Höhepunkt auch noch losgelassen, ich kniete für einen Moment ganz alleine – Peter im Zirkus Knie. Auch wenn es anstrengend war, es hat wieder einmal funktioniert und die Weichen waren für weitere Erfolge gestellt.
Erfolge machen einen zufrieden, man wirkt richtig erleichtert. Bald bin ich ein Jahr zu Hause und wir haben bis jetzt schon Bombenerfolge erzielt, was mein jetziger Zustand zeigt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich im Traum nicht dran gedacht, dass ich so schnell wieder ans Gehen kommen würde. Sicher, es sind noch viele, viele Baustellen an mir, um meinen Zustand zu verbessern. Wenn wir so weiter machen, werde ich eines Tages ohne irgendeine Gehhilfe gehen können, - die Chance ist in greifbarer Nähe. Aber, bis es soweit ist, fließt noch jede Menge Wasser den Rhein runter.

Eines Tages stellten wir bei Philipp einige blaue Flecken an Oberkörper und Oberarme fest. Auf die Frage ob er einen Unfall gehabt hätte, druckste er rum. Nach genauerem Hinschauen sah das nicht nach einem Unfall aus. Schließlich rückte er mit der Sprache raus. Auf der Realschule waren Schüler, die in der Pause rauchten. Um nicht erwischt zu werden suchten sie sich Mitschüler, um Schmiere zu stehen. Da war auch Philipp dabei. Wenn er sich weigerte, Schmiere zu stehen, gab’s einen Boxer, was nichts anderes hieß als wie, es gab Prügel. Das war schon richtig heftig. Tja, was tun. Wir haben mit einem befreundeten Ehepaar, Eva und Salvatore gesprochen. Beide leiteten die Kampfsportgruppe Qwan Ki Do. Er sollte sich dort anmelden und er würde sich somit Respekt verschaffen. Aber das war Philipp eine Spur zu viel. OK, wenn er nicht will, muss er halt eben diese Boxer kassieren.
Philipp hatte zu dieser Zeit einen schweren Stand in der Realschule. Er wurde oft gehänselt, du mit deinem Spastiker Vater oder du hast ja einen Krüppelvater. Das waren unvorstellbare Gemeinheiten, die auf den Jungen eindrangen. Er kam oft nach Hause und war am Weinen. Das wirkte natürlich verstärkt auf meine Spastik. Auch mir ging es an die Substanz. Man kann nur staunen, wie grausam Kinder sein können. Aber nach genauerer Recherche haben wir heraus bekommen, wer da beteiligt war, - sogar ein Sohn einer Arbeitskollegin. Es war nicht anders zu erwarten. So wie sich diese Mitschüler benahmen, so war auch ihr Elternhaus. Philipp hatte keine Chance. Eines Tages ist er einem Mitschüler an die Gurgel gegangen, weil in diesem Moment bei Philipp die Sicherungen durch geknallt waren. Das war meiner Meinung nach schon längst überfällig. Demzufolge musste Dany zum Schuldirektor und Philipp bekam einen Verweis und musste für diesen Tag von der Schule.
Ende März bemerkte ich, wie mein rechtes Bein immer stärker nach innen zog und ich stand wieder auf meinem linken Fuß, auf den entzündeten Zeh. Das war äußerst schmerzhaft. Es war nicht nur lästig, es störte auch mein Gang Bild. Merkwürdig dachte ich, nach der Bronchitis bin ich doch einwandfrei gegangen, wieso latsche ich mir wieder auf den Fuß. Ich wollte mich in der nächsten Zeit selbst beobachteten und wollte wissen, was der Grund ist. Keine Spur, ich hatte keine Erklärung dafür.

Anfang April habe ich versehentlich mein Pillentöpfchen umgestoßen. Beim Aufsammeln meiner Pillen stellte ich fest, dass ich nur eine halbe Lioresal, statt der eingestellten 10mg, nur 5mg bekommen hatte. Ich rief Dany und sagte ihr, da sind ja nur 5mg Lioresal drin. Sie sagte, das ist OK so. Wieso, wollte ich wissen. Dany antwortete, weil du so gut gegangen bist, weil die Spastik so gut ist und weil wir von den Tabletten weg wollen. Wie, weil ich so gut gehe und die Spastik so gut ist, seit wann, wollte ich wissen und vor allem, wer ist wir? Die 5mg Lioresal bekommst du seit Anfang Februar, antwortete mir Dany. Merkwürdig sagte ich, ich sah da weder einen Grund, noch einen Anlass. Was soll der Scheiß? Es entstand ein Wortwechsel wegen der Lioresal. Warum? Warum nicht? Irgendwann war die Diskussion wegen der Lioresal zu Ende und das Tagesgeschäft ging weiter. Ich fand das schon sehr suspekt, aber HALLO und stellte mir die Frage, wer sind wir?
Waren es wir, die zwölf Geschworenen, oder waren es wir, die elf Jünger oder waren es wir, der Kleingartenverein von Wanne-Eickel Ost? Wer waren wir??? Das ist die Preisfrage!!!
Die Therapeuten gaben sich die Klinke in die Hand und die Therapien liefen auf Hochtouren. Das Timing und die Chemie zwischen den Therapeuten waren perfekt. Was mich im Augenblick sehr störte, war, mein rechtes Bein.
Nach ein paar Tagen tauchte plötzlich Dr. Albacht auf. Ohne groß zu fragen ordnete er an, frühmorgens die Dosierung der Lioresal wieder auf 10mg zusetzen. Es wurde nicht groß diskutiert, warum, wieso, weshalb. Stattdessen interessierte sich Dr. Albacht für mein Gewicht. Ein Ablenkungsmanöver??? Ich habe ihm gesagt, dass wir unser Essen schon stark reduziert haben und dass sich darüber die dritte Welt schlapp lachen würde, was wir am Tag essen. Die Medikation der Lioresal war wieder auf den Stand, wie ich in Hilchenbach eingestellt wurde und Dr. Albacht entschwand wieder. Aber das Thema Lioresal und Spastik ließ mich nicht los. Niemand schien auf diesem Gebiet eine qualifizierte Aussage machen zu können.
Endlich hatten wir einen Internetzugang und für mich öffnete sich das Tor zur Welt. Auch wenn ich in Sachen Computer einiges konnte und auch hinzugelernt habe, war das Internet für mich Neuland. Vorsichtig stöberte ich durch die Unmengen an Seiten, die das World Wide Web anbot. Unterdessen rebellierte mein entzündeter Zeh gewaltig. Einige Joggingschuhe wurden im Bereich des großen Zeh eingeschnitten. Somit wurde der Druck auf dieser Seite etwas gemildert. Trotz dieser Entzündung war ich stabil im Stand und auch sehr beweglich in der Mobilität, nur die beschissene Innenrotation meines rechten Beines störte mich enorm.

Mittlerweile hatten wir schon Mai. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass durch die intensive KG, die Jutta und Dany machten, dieses unangenehme Problem in nächster Zeit irgendwie wieder behoben sein würde. Währenddessen war Philipp wieder aus Frankreich zurück. Er war ein paar Tage mit seiner Schulklasse in der Partnerstadt Etaples sur Mer. Seine Begeisterung von Frankreich war sehr groß und hat sich prompt am nächsten Tag für die Bürgerfahrt am kommenden Freitag nach Etaples angemeldet. Als meine Eltern davon erfuhren, haben sie gesagt, diese spontane Art von Philipp sponsern wir.
Plötzlich kam Philipp auf uns zu und sagte, könnt ihr mich bitte bei Eva und Salvatore anmelden, ich werde zum Qwan Ki Do gehen. Wie kam es dazu? In Frankreich hat er einen gleichaltrigen Jungen kennen gelernt. Er war etwas kleiner und wesentlich dicker als Philipp. Dieser Junge machte auch Qwan Ki Do. Er demonstrierte Philipp, wie er in Zeitlupe, aus dem Stand, einen Fuß auf Philipps Schulter legte. Da war Philipp hin und hergerissen und dem Qwan Ki Do stand nichts mehr im Weg.
An diesem Morgen hing bei uns der Haussegen ziemlich schief. Wirtschaftliche Engpässe brachten Unstimmigkeiten ans Tageslicht und die Nerven lagen wieder ein bisschen blank. Warum, weiß keiner so genau, es hatte auf jeden Fall geknallt. Dany und ich hielten uns in Schweigen… „das Schweigen der Lämmer“. Stumm wurde das Mittagsmahl verzehrt. Anschließend trat ich einen Schweigemarsch zur Toilette an. Als ich wieder zum Schreibtisch gehen wollte, sagte Dany: Ich fahre jetzt nach deinen Eltern. Nach einer kurzen Pause sagte sie: Ich nehme dich mit. Im Bruchteil einer Sekunde sagte ich, ja, natürlich, ich komme mit. Damit hatte Dany nicht gerechnet und ihr Kiefer senkte sich ein paar Zentimeter ab. Da hatte ich wahrscheinlich eine große Verwirrung angerichtet. Ja, hm, äh, ja, wie machen wir das denn? Molto problemo! Gott sei Dank war Philipp zu Hause. Er stellte seine Hilfe sofort zur Verfügung.

Ich ging zur Treppe. Die Operation „Treppe“ konnte beginnen. Ich stand in Pole Position. Dany nahm vorsichtig mein rechtes Bein, führte es auf die nächste Stufe und ich folgte mit meinem linken Bein, während Philipp nach hinten sicherte. Wie ein Panzerschrank wurde ich die Treppe runter bugsiert. Es ging verdammt gut. Philipp musste eigentlich am Nachmittag in den Konfirmationsunterricht, aber mein erster Ausritt war ihm an diesem Tag wesentlich wichtiger und hat uns auf dieser Tour begleitet.
Jetzt bin ich das erste Mal seit anderthalb Jahren wieder mit unserem Auto gefahren. Es war ein komisches Gefühl. Bevor wir Richtung Oma und Opa fuhren, hat Dany mit mir einen kleinen Abstecher in unsere Umgebung gemacht. Mann, was war das ein blödes Gefühl, alles was an mir vorbei rauschte ging rasend schnell, obwohl Dany ganz normal fuhr. War meine Wahrnehmung gestört? Es ging alles viel schneller, wie ich es auffassen konnte. Ich bekam wieder Angst, warum habe ich diese Schwierigkeit, ist der Schaden des Schlaganfalls doch größer als ich dachte? Es ging mir alles viel zu schnell. Aber die Veränderungen in unserer Umgebung seit dem 16.11.1999, haben mich etwas abgelenkt. Es war schön, wieder einen Streifzug durch die Gemeinde zu machen. Es hat sich sehr viel verändert. Auf der Fahrt zu meinen Eltern ging mir einiges durch den Kopf, wie komme ich in ihre Wohnung und, wie mögen meine Eltern reagieren?
Vorsichtig haben wir uns dem Haus genähert. Aus dem Auto kam ich hervorragend. Ich stand in Richtung Haustüre, als mein Vater an die Haustüre kam und sagte: Mensch Pitter, wat mack’st du dann hie? und strahlte übers ganze Gesicht. An der Haustüre hatte ich Schwierigkeiten, die erste Stufe war ziemlich hoch und es gab keine Möglichkeit, um mich festzuhalten, - die einzige Möglichkeit war die Tür Pfalz. Ich steckte meine Finger zwischen Türe und Türrahmen. Hoffentlich geht jetzt nicht die Türe zu dachte ich, dann habe ich wieder die Arschkarte gezogen. Aber es ging gut. Noch eine Stufe und ich stand an der Wohnungstüre meiner Eltern. In diesem Augenblick wurde es mir richtig komisch. Als ich vor der geöffneten Wohnungstüre stand, sah ich meine Mutter am Küchentisch stehen, sie war am Weinen. In diesem Augenblick konnte ich meine Gefühle nicht mehr zurückhalten und habe meinen Tränen freien Lauf gelassen. Es kann sich keiner vorstellen, was in solch einem Moment durch den Kopf schießt. Schnell hatte ich mich wieder beruhigt und saß am Küchentisch. Meine Mutter hatte sich auch wieder gefangen und hat mich freudestrahlend begrüßt. Die Freude über mein oder besser gesagt über unser Erscheinen war sehr groß.
Im Geiste dachte ich wieder an den Heimweg, wie mag ich wieder aus der Wohnung kommen, wie komme ich wieder die Treppe zu unserer Wohnung hoch? Ich hatte wieder großen Bammel. Auf dem Heimweg sind wir noch schnell bei Jutta und bei Danys Eltern vorbei gefahren. Als wir bei Jutta waren, ging Dany zur Haustüre und schellte. Sie bat Jutta mit ans Auto zukommen. Wow, was hat Jutta sich gefreut, sie war schier aus dem Häuschen, sie freute sich immer wahnsinnig über neue Fortschritte. Auch Danys Eltern waren sehr über meinen neuen Fortschritt erfreut. In meinen Gedanken spukte immer unsere Treppe herum, eine Herausforderung, die mir noch, bevor steht. Da habe ich so große Angst vor der Treppe gehabt und schon saß ich wieder am meinem Schreibtisch. Die Treppe hatte hervorragend funktioniert. Dank Philipps Hilfe.

Jetzt konnte ich endlich raus, der Bann war gebrochen. Prompt wurden wir von meinen Eltern zum Mittagessen und zum Kaffeetrinken eingeladen, wenn Philipp wieder aus Frankreich zurück ist. Während der ersten Ausflüge außer Haus hatte uns Philipp begleitet, ich war noch ziemlich verunsichert, obwohl ich die Treppe gut runter, als auch wieder hoch kam. Dany führte jedes Mal mein betroffenes Bein, wenn ich abwärts ging – Treppe aufwärts unterstützte sie mein rechtes Bein. Es schien, als hätten wir die unangenehme Auswirkung mit der Lioresal etwas behoben.
Am Fronleichnam habe ich mich das erste Mal alleine auf die Bettkante gesetzt. Ich habe mich auf die rechte Seite gedreht, den Stock genommen und mich an der Wand abgedrückt, bis ich saß. Das hört sich einfach und leicht an, aber das war es nicht. Ich habe ganz schön gekämpft, bis ich in Sitzstellung war, es war zwar nicht die feine Art, mich mit dem Stock abzustützen, aber es hat funktioniert. Diese Showeinlage gelang mir noch einige Mal, gar nicht so übel für den Anfang.
Im Internet fand ich mich immer besser zurecht und ich begann, mich über Spastik zu informieren. Keiner konnte mir bis zum heutigen Tag konkret etwas darüber sagen. Aber irgendwelche Informationen musste es doch geben, damit man die ganze Problematik etwas besser verstehen und sich somit dementsprechend verhalten kann. Schließlich muss ich den ganzen Tag mit diesem beschissenen Problem leben. Während meiner Suche bin ich auf eine Webseite gestoßen, auf der eine Biofeedbacktherapie angeboten wurde, bei der die Spastik gelöst und auch reduziert würde. Ich habe diese Seiten nur so verschlungen. Es klang alles ziemlich vielversprechend und ich war von den geschilderten Ergebnissen, die mit Patienten erzielt worden sind, echt begeistert. Irgendwas muss daran sein. Wenn man von der Plage Spastik betroffen ist, klammert man sich an jeden Strohhalm. Während meiner Sucherei nach dem Begriff Spastik, flackerte auf einmal eine Webseite vor meinen Augen, auf der beschrieben wurde, Spastik durch Verspannungen. Diese Erfahrung sollte ich noch am eigenen Körper feststellen, - aber davon später mehr.
Meine Freude sollte nicht lange halten. Mitte Juni kam meine Ergotherapeutin Frau Kaiser und berichtete mir, dass sie Ende Juni wieder in ihre alte Heimat zurück geht und somit am 21. Juni ihre letzte Ergo Stunde bei mir haben würde und sie schon in der Praxis einen Ersatz angefordert hat. Schade sagte ich zu ihr, gerade jetzt, wo ich eine sehr gute Ergotherapeutin gefunden habe, die mit an meinem Erfolg beteiligt war.
Philipp zeigte schon als kleiner Junge großes Interesse an die Feuerwehr. Er wollte unbedingt Feuerwehrmann werden. Mein Schwiegervater hatte sich Philipp geschnappt und ist mit ihm zur Feuerwehr. Es dauerte nicht lange und Philipp entschloss sich, der Jugendfeuerwehr Hückeswagen beizutreten. Am 22. Juni kam er stolz von seinem ersten Besuch bei der Jungendfeuerwehr nach Hause. Er stand vor uns und zeigte uns stolz seine Uniform.
Am Tag, nachdem Frau Kaiser ihren letzten Termin hatte, hatte ich mit Jutta meinen KG-Termin. Jutta erzählte mir, dass ihr Schwiegervater, welcher mein Onkel ist, ziemlich schlecht dran wäre. Eine Hiobsbotschaft jagte im Augenblick die andere. Am kommenden Dienstag sagte Jutta ihren Termin bei mir ab, ihrem Schwiegervater ging es sehr, sehr schlecht. Tja, was will man da machen. Einen Tag später rief Jutta erneut an und teilte uns mit, ihr Schwiegervater ist gestorben und das sie auf Grund dessen ihre Praxis früher als geplant schließt.
Die Situation hatte sich auf einmal wieder geändert, im Klartext hieß es, Jutta kommt in den nächsten 8 Wochen nicht und wann in der Ergotherapie ein Ersatz kommt, stand in den Sternen.
Anfang Juli tauchte Dr. Albacht wieder auf. Was war wohl seine erste Frage??? Richtig, - was macht ihr Gewicht? Das war von wichtiger Bedeutung. Ich wollte ihm eine passende Antwort geben, aber ich habe sie mir verkniffen. Das Thema Spastik kam wieder auf den Tisch und er wollte wissen, wie es mit der Spastik bei mir ist. So genau konnte ich es nicht sagen, ob es besser geworden ist, oder ob der Zustand geblieben ist. Dany fügte schnell hinzu, es geht so. Na ja sagte er, dann werden wir mittags die Dosierung um 5 mg erhöhen.
Bevor sich Dr. Albacht aus dem Staub machen wollte, erzählte ich ihm, dass ich im Internet etwas über die Biofeedbacktherapie und einen Beitrag über „Spastik durch Verspannung“ gefunden habe und mir diese ausgedruckt habe. Ich habe Dr. Albacht diese Ausdrucke gezeigt. Das klingt ja interessant sagte er zu mir, kann ich mir die Ausdrucke mal mitnehmen? Am Nachmittag mussten wir noch mal zur Jutta. Jutta war regelrecht erfreut, dass ich langsam, aber sicher mobiler wurde. Als wir wieder nach Hause wollten, sagte Jutta noch schnell zu mir, wenn ich jetzt in Urlaub bin, dann geh’ jeden Tag einmal die Treppe, das ist gut für die Muskulatur und du bleibst im Training. Oh sagte ich, dass klingt nicht schlecht.

Die Zeit war wieder da, Dany und ich hatten Geburtstag. Es war schon ziemlich stressig für Dany, da unsere Geburtstage einen auf den anderen Tag liegen. Schließlich muss sie jetzt alles alleine organisieren. Mit meinem Geburtstag hatte ich es nicht mehr, von mir aus gäbe es ihn nicht mehr. Aber Dany wollte es so. Ein Problem gab es, man konnte nicht alle Gäste unter einem Hut bringen. Also wurden sie über den Tag verteilt. Zum Frühschoppen kamen die Nachbarn, zum Kaffee die anderen und gegen Abend der Rest.
Es plätscherte alles so vor sich hin und es passierte in den nächsten Wochen nichts. Knapp vier Wochen, nachdem Dr. Albacht bei uns war, wurde plötzlich die 5mg Lioresal am Mittag wieder gestrichen und ich war wieder auf dem alten Stand meiner Dosierung. Warum? Keine Ahnung! Das mit der Biofeedbacktherapie ließ mir keine Ruhe, da musste doch was dran sein. Ich verfasste eine E-Mail und wollte mich an Ort und Stelle darüber informieren. Prompt rief kurz darauf ein gewisser Herr Breuer, der diese Biofeedbacktherapie durchführte, an. Dany hatte mit ihm gesprochen. Der Schnupperkurs sollte ca. 200 DM und die folgenden Behandlungen ca. 140 DM kosten – die Krankenkassen würden allerdings diese Therapie noch nicht übernehmen. Aha, da hängt die Zwiebel am Haken. Wenn die Biofeedbacktherapie so erfolgreich ist, wie man angibt, dann verstehe ich nicht, warum das die Krankenkassen nicht verordnen. Das wäre doch nur zum Vorteil. Der Juli endete ohne große Vorkommnisse, wir haben nur etwas an Gymnastik und Dehnübungen gemacht, die Treppe bin ich nur dreimal gegangen – ein lauer Monat.

Sowie der Juli endete, so fing der August an, lau, lauer, pisslau. Das Thema Biofeedbacktherapie war für mich immer noch ein aktuelles Thema. Day meinte, rufen wir doch mal Dr. Loevenich in Hilchenbach an, er ist Experte auf dem Gebiert Neurologie, der müsste doch etwas darüber wissen. Leider bekamen wir nicht die gewünschte Antwort, die wir uns erhofft haben. Er hatte davon noch nie etwas gehört und war da sehr skeptisch. Nun hatte meine Euphorie einen Dämpfer bekommen, was Dr. Loevenich sagte, hatte für mich immer Hand und Fuß. Trotzdem ging mir die Biofeedbacktherapie nicht aus meinen Kopf, irgendetwas muss doch da dran sein.
Wir wollten eine Tour machen und meine Tante Hilde in Dillenburg besuchen. Mein erster großer Ausflug. Halt, Stopp, was ist, wenn ich unterwegs mal muss? Sprich für kleine Königstiger. Was dann? Ich kann doch nicht in die Büsche springen und wie ein Hund...? Unvorstellbar. Dany sagte, was machst du dir Sorgen, wir haben doch die AOL-Pulle, die nehmen wir mit und wenn unterwegs was sein sollte, dann halte ich an und das Problem wird gelöst. Das klang beruhigend. So, mein Ausflug konnte starten. Bei der Tour nach Dillenburg bot es sich an, auf dem Rückweg einen kurzen Abstecher nach Hilchenbach zumachen. Mir war es richtig komisch, als wir die Klinik betraten. Meine Erinnerungen wurden wieder aufgewühlt und mir schoss wieder eins durch den Kopf: Warum haben die beiden Ärzte am letzten Januarwochenende 2000 gepennt, der zweite Schlaganfall hätte ganz klar verhindert werden können. Es war zwar müßig, darüber nachzudenken, aber der Gedanke hat sich in mir festgebrannt. Die Wiedersehensfreude mit alten Bekannten war groß, es schien so, als wäre ich nie weggewesen.

Kurz nachdem wir in Hilchenbach waren, wurde mir nahe gelegt, eine neue Reha zu beantragen. Hm, dachte ich, vielleicht wäre das nicht schlecht, es käme auf einen Versuch an. Dany ist dann zu Dr. Albacht marschiert, um den Antrag zu stellen. Wir beschlossen, noch mal eine kleine Tour nach Hilchenbach zumachen, schon allein wegen des leckeren Apfelkuchen und dem hervorragenden Kaffee – allein deswegen lohnt sich ein kleiner Abstecher dorthin. Hier trafen wir auch Dr. Loevenich. Wir erzählten, dass ich eine neue Reha beantragt habe und diese gerne in Hilchenbach machen würde, weil mir die Therapeuten sehr vertraut sind und diese mich und meinen Zustand kennen würden. Im Laufe unseres Gespräches erkundigte sich Dr. Loevenich, wie es mir, bzw. uns nach meiner Entlassung ergangen sei. Ich erzählte ihm freudestrahlend, dass ich, nachdem ich zwei Monate aus der Reha zurück war, wieder alleine durch die Wohnung gehen konnte, und das ich Anfang des Jahres mit meinem rechten Bein einen richtigen Schritt machen konnte, mit der Ferse aufsetzen und den Fuß fast abrollen konnte. Diese Fortschritte habe ich meiner KG Jutta zu verdanken. Meine Frau hatte Jutta intensiv unterstützt. Ohne ihre Mithilfe wäre ich nicht so schnell ans gehen gekommen.
Ich erzählte ihm auch von der merkwürdigen Spielerei mit der Lioresal und was ich im Nachhinein festgestellt habe. Tja, sagte er zu mir, dass mit der Lioresal ist so eine Sache. Man kann die Lioresal ohne Bedenken verabreichen, aber..., die Reduzierung sollte in kleinen Schritten langfristig und ausschleichend erfolgen, es könnte sonst gravierende Folgen mit sich ziehen. Außerdem sollte man zusätzlich mit ausreichender Gymnastik gegensteuern. Mit Gymnastik und ausreichend Bewegung lässt sich die Spastik sehr gut reduzieren und Dr. Loevenich betonte noch: Stillstand ist gleich Rückstand. Das war mir einleuchtend und ich hatte eine Erklärung. Zwischenzeitlich hatte Jutta ihren Urlaub beendet und es konnte in der KG wieder zur Sache gehen. Dany erzählte ihr, dass sie für mich eine neue Reha beantragt hat. Jutta fand eine neue Reha nicht schlecht, die würde bestimmt einiges bringen. Jetzt fehlte nur noch eine Ergotherapeutin. Ich war gespannt, ob im September, wie angekündigt, eine neue Ergotherapeutin kommt.

In der Tat, der September fing gut an, Frau Sommerlade, meine neue Ergotherapeutin setzte die Ergotherapie wieder fort. Jetzt lief alles wieder, wie gehabt, der Antrag für eine Reha war gestellt, ich konnte wieder zufrieden sein. Nur mein großer Zeh am linken Fuß machte höllische Probleme. Die Entzündung ging nicht weg, ich habe jetzt schon fast zehn Monate damit zu tun. Herr Vesterfeld meinte anfangs, als er die Fußpflege übernahm, ein Teil des Nagels müsste entfernt werden, dann hätte ich Ruhe. Aber das war im letzten Dezember ein Problem, da ich konnte keine Treppe gehen. Wir hatten auch damals Dr. Albacht konsultiert. Der meinte wiederum, Quatsch, wir behandeln das mit Betaisadonna. Gebracht hatte es nicht viel, außer ein paar zerschnittenen Joggingschuhen. Mir ist der Zeh Anfang des Jahres bei der Gymnastik, als ich auf dem Bauch lag, auf die Bettkante geknallt. Ob da vielleicht was gebrochen war, dachte ich.
Ich hatte Dany gebeten, mir bei Dr. Kühnert einen Termin zum Röntgen zumachen. Dr. Kühnert hatte als Chirurg vor Jahren bei uns im Krankenhaus gearbeitet und hat sich nach der Schließung des Krankenhauses Mitte der 90er Jahre, als Chirurg in unsere Stadt niedergelassen. Ich hatte Glück und konnte noch am gleichen Tag in seine Praxis kommen. Die Röntgenaufnahme zeigte keine Schäden. Dr. Kühnert nahm sich den Zeh genauer unter die Lupe und sagte: Oh, der Nagel ist aber gewaltig entzündet. Da müsste einen Teil des Nagels entfernt werden, damit die Entzündung verschwindet. Seit wann haben sie das, wollte er von mir wissen. Seit letzten November, sagte ich. Wie? - Hat da noch keiner nachgesehen, wollte Dr. Kühnert wissen. Doch sagte ich, Herr Vesterfeld, der die Fußpflege zurzeit machte und hatte sofort gesagt, dass ein Teil des Nagels entfernt werden sollte. Dr. Kühnert wollte wissen, wer mein Hausarzt ist? Dany sagte, Dr. Albacht, der wollte es mit Betaisodona und Verbänden versuchen. Ach, sagte Dr. Kühnert grinsend, das ist typisch für Internisten, die halten nichts vom schnibbeln, die stehen mehr auf Sälbchen und Läppchen.
Dany wollte wissen, wann wir kommen sollten, damit dieser Eingriff gemacht werden könnte. Dr. Kühnert sagte spontan, sie sind einmal hier, ich mache das sofort. Ach du Scheiße dachte ich und sah unangenehmes auf mich zu kommen. Noch bevor ich diesen Satz zu Ende gedacht hatte, hatte er mit einer Spritze die lokale Betäubung gesetzt. Es dauerte nicht lange, dann ging es zur Sache. Er entfernte in null Komma nichts ein Stück vom Nagel und mit einem dicken, verbundenen Zeh ging es wieder nach Hause. Das ging besser als ich dachte. Gott sei Dank war mein Joggingschuh eingeschnitten und mein Fuß mit Verband fand angenehmen Platz ihm Schuh. Der Transport nach Hause funktionierte sehr gut. Aber, was ist mit der Treppe? Mein Herz schlug bis zum Hals. Dany fuhr mich mit dem Rollstuhl bis zur Treppe und sagte, wenn du gehst, setzte ich dir vorsichtig das Bein und wenn was ist, dann sage mir das. Langsam, Schritt für Schritt half mir Dany die Treppe hoch. Ich habe nicht schlecht gestaunt, es ging verdammt gut. Endlich saß ich in meinem Bürostuhl. Die Anspannung ging langsam weg und mein Zeh fing an zu klopfen, aber, es war noch erträglich. Am späten Nachmittag rief mein Vater an und sagte hastig: Peter, schallte mal ganz schnell den Fernseher ein, es ist was ganz schreckliches passiert und hat wieder aufgelegt.
Als der Fernseher an ging haben wir nichts verstanden. Die Nachrichten überschlugen sich und als wir sahen, wie ein Flugzeug in einem der Twin Towers in New York reinflog, wir haben gar nicht geschnallt, was da passiert war. Immer wieder flatterten die Bilder über den Bildschirm. Es wollte nicht in unsere Birne, Flugzeuge flogen in die Twin Towers in New York, es war wie in einem Action Film. Doch als der erste Tower in sich zusammenbrach, war uns klar, was da passierte, war eine riesengroße KATASTROPHE. Während wir immer wieder diese schrecklichen Bilder verfolgten, wollte Dany von mir wissen, wie es mir geht. Mit tränenerstickter Stimme sagte ich ihr, wenn ich diese Bilder sehe, geht es mir gut, verdammt gut.
Das wir Dr. Kühnert aufgesucht haben, war eine sehr, sehr gute Entscheidung. Die Therapien KG und Ergo wurden meinem derzeitigen Zustand angepasst. Bei einem der nächsten KG Termine mit Jutta musste Dany etwas erledigen und ich war mit Jutta alleine. Während der Therapie sagte Jutta vorsichtig zu mir: Darf ich dich mal was fragen? Du bist ziemlich zäh. Habt ihr während meiner Abwesenheit was gemacht? Ich konnte Jutta nichts vormachen und sagte: Doch, schon, aber nicht genug. Was ist mit der Treppe? Seit ihr wenigstens die Treppe gegangen? Hm, die Treppe sind war gegangen, vielleicht vier- fünfmal. Während wir mein Problem besprachen, erzählte ich von der erneuten Spielerei mit der Lioresal und was Dr. Loevenich dazu gesagt hatte. Mein Problem nahm Gestalt an. Die Spielerei mit der Lioresal, die lange Therapiepause und die Aussage von Dr. Loevenich, Stillstand gleich Rückstand, quittierten meinen Zustand. Wenn ich mit meinem rechten Bein einen Schritt machte, zog es enorm nach innen und es fühlte sich so an, als würde ich mit dem rechten Oberschenkel einen schweren Sack Zement nach vorne schieben, - mein rechtes Bein schien tonnenschwer zu sein.

Der Oktober fing nicht berauschend an, wir bekamen von der LVA eine Ablehnung für eine Reha. Scheiße, was nun? Dany hat mit der LVA sofort telefoniert. Diese hat uns mit dem Antrag auf eine Reha an die AOK verwiesen. Sofort wurde alles wieder in die Wege geleitet. Kurz darauf wurde die Bearbeitung meines Antrages von der AOK bestätigt. Es dauerte nicht lange, da wurde die Reha für mich bewilligt. Jetzt ging es darum, wo diese Reha stattfinden sollte. Ich wollte gerne wieder nach Hilchenbach, schließlich kannte ich die Schwestern, Pfleger sowie die Therapeutinnen und Therapeuten, mit denen ich bei meinen beiden Schlaganfällen zutun hatte und man würde keine Anlaufzeit benötigen um miteinander warm zu werden.
Mein Wunsch, in Hilchenbach die Reha anzutreten stieß auf Wiederstand. Man riet mir davon ab. Du willst doch wohl nicht dort deine Reha machen, wo du dich der zweite Schlaganfall erwischt hatte, - und keiner reagiert hatte. Eine Diskussion entbrannte. Sicher, da haben sie Recht, wenn die beiden Ärzte sofort reagiert hätten, wäre es nicht soweit gekommen, fast 48 Stunden warten, bis Maßnahmen eingeleitet wurden, ist schon heftig. Aber ich wollte wieder nach Hilchenbach und ich hatte ein gutes Gefühl und wenn mich Tanja wieder in der Physiotherapie betreut, sehe ich gute Chancen, meinen Zustand wieder zu verbessern.
Die Therapien waren wieder im vollen Gang. Frau Sommerlade hat sich auch gut eingearbeitet. Es dauerte bei mir schon etwas, bis ich mich an die Arbeitsweise von Frau Sommerlade gewöhnt hatte. Auch wir hatten die Ergo Therapie im Wohnzimmer auf dem Hocker abgehalten. Eines Tages, während der Therapie, sagte mir Frau Sommerlade: Herr Arens, sagen Sie bitte den Leuten, die da immer kommen, sie wären gesundheitsschädlich. Hä dachte ich, was will die denn? Wie kommen Sie darauf, wollte ich von ihr wissen. Frau Sommerlade meinte, jedes Mal, wenn diese Leute klingeln, schießt bei ihnen die Spastik ein.
Das verstehe ich nicht, sagte ich, es klingelt doch öfters, wenn wir in der Therapie sind. Ja sagte Frau Sommerlade, das stimmt, aber wenn diese Leute klingeln, dann schießt die Spastik ein. Sind sie sicher, dass nur bei diesen Leuten die Spastik einschießt, wenn sie klingeln? Ja sagte sie, das würde sie bei mir deutlich spüren. Ich verstand nur Bahnhof. Frau Sommerlade sagte ich, die Leute, die da klingeln, sind meine Schwiegereltern, wenn ich denen das sage, dann flippen die aus, dann steht Hückeswagen in Flammen! Aber, warum schießt die Spastik ein, wollte Frau Sommerlade wissen, wenn meine Schwiegereltern klingelten, ich könnte doch nicht sehen, wer da klingelt. Wir haben versucht heraus zu finden, warum. Dann fiel mir ein, wir hatten mit meinen Schwiegereltern ein bestimmtes Klingelzeichen vereinbart, wenn sie kommen und ich alleine bin. Tja sagte Frau Sommerlade, dann haben ihre Schwiegereltern auf sie eine negative Ausstrahlung, sonst würden sie nicht so darauf reagieren. Nachdem Frau Sommerlade wieder gegangen war, habe ich, obwohl das nicht wollte, mit Dany darüber gesprochen. Da scheint was in der Luft zu liegen!
Der Oktober endete besser, wie er begonnen hatte, - ich bekam die Reha in Hilchenbach genehmigt, die ich am 2. November antreten konnte. Bingo, die Warterei hat sich gelohnt. Jutta war auch sehr erleichtert und war zuversichtlich für die Zeit danach.
Der Zeitpunkt war gekommen, Dany brachte mich nach Hilchenbach. Philipp durfte auch mit und bekam dafür etwas früher schulfrei. Auf der Hinfahrt wurde es mir komisch, ich hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Auf der ganzen Anreise lief ein Endlosband in meinen Gedanken. War es richtig, wieder nach Hilchenbach zugehen? Der zweite Schlaganfall erzeugte plötzlich eine leichte, panische Angst. Was für Erfolge erzielen wir? Werden die Probleme meiner Beine wieder behoben? Wie sieht es nach der Reha aus?
Oh Mann, ich war im Begriff mich dermaßen in meine Unsicherheit hinein zu steigern und es fehlte nicht viel, und ich hätte den Rückzug angetreten. Während ich mit meinen Gedanken am Hexen war, sagte Dany so ganz beiläufig, dass sie an diesem Wochenende nicht noch mal kommen würde. Das würde für mich bedeuten, Langeweile pur und dann noch ohne Computer. Aber... ich habe meine Lieblings-CDs dabei.
Es ist besser für etwas zu kämpfen,
als für nichts zu leben.