
Mir passiert schon nichts dachte ich immer. Schlaganfälle waren mir nur ein paar Fälle in meinem Bekanntenkreis bekannt und die ich aber nie so richtig wahrgenommen habe. Ehrlich gesagt, ich nahm mir auch nie Zeit, mich damit zu befassen. Ich stand pausenlos unter Dampf, Stress pur, nie zum Arzt, auch wenn es mal hier zwackte und dort etwas zwackte. Wegen einem kleinen Zipperlein den Doc aufsuchen, phh, Peanuts, zumal ich eine Versorgungspflicht gegenüber meiner Familie und eine berufliche Verantwortung hatte, auch wenn’s mir Mal nicht gut ging.
...nur noch wenige Sekunden und das letzte Jahr in diesem Jahrhundert konnte beginnen. Es war ein Sylvester wie jeder andere, doch das Jahr 1999 sollte für uns ein besonderes Jahr werden, Dany und ich hatten im Oktober unsere Silberhochzeit.
Prosit Neujahr, es konnte beginnen, das Jahr 1999. Kaum hatten wir auf das neue Jahr angestoßen, riefen meine Eltern an, um ein frohes neues Jahr zu wünschen. Dany war schon mit Philipp an die Haustüre gegangen, um das neue Jahr zu begrüßen und das gigantische Feuerwerk, was immer abgebrannt wurde, zu bestaunen. Ich nahm mein Glas Sekt und wollte hinterher. Als ich aus dem Fenster sah, gingen gerade etliche Raketen in die Luft. Es sah toll aus und ich blieb stehen und bestaunte das wunderbare Farbenspiel.
Man dachte ich, in einem Jahr haben wir das Jahr 2000, was mag das letzte Jahr in diesem Jahrhundert, ja, Jahrtausend alles bringen? Wird es auch so stressig wie die letzten Jahre?


Das Jahr 1999 fing sofort wieder mit Stress an und meine Vorsätze, was zu ändern, waren zum Teufel. Wie das alte Jahr aufgehört hatte, so fing das „Neue“ an. Sicherlich, man soll froh sein, dass man Arbeit hat, aber manchmal war der Bogen dermaßen überspannt. Privat hatte ich auch einige Verpflichtungen und wenn man mich um Hilfe bat, war ich immer sofort zur Stelle.

Ende Januar waren meine Eltern zu Besuch. Als das Thema Arbeit zur Sprache kam, sagte meine Mutter zu mir: Wenn du so weiter machst und ständig deine Hilfsbereitschaft und deine Gutmütigkeit anbietest, wird dich eines Tages der Schlag treffen. Wat will die, habe ich gedacht, so einfach ist das nicht, alles auf einmal liegen und stehen lassen. Ich wollte mich auch nicht dazu äußern, es hätte eh nichts gebracht. Wenn man einmal in so einem Strudel steckt, kommt man nicht so leicht wieder raus.
Die Zeit ging sehr schnell herum und im April kam ich sehr früh von der Arbeit nach Hause. Ich hatte mir scheinbar den Magen verdorben und war pausenlos unterwegs zur Toilette. Kurz darauf hat es zwischen mir und Dany so richtig gerumst. So gestritten hatten wir uns in den ganzen Jahren unserer Ehe noch nie, und unsere Silberhochzeit im Oktober geriet in Gefahr, - der Stress zeigte seine ersten Wirkungen. Wir haben uns im Laufe des Tages wieder etwas besonnen und waren der Meinung, dass es so nicht mehr geht. Wir beschlossen, uns auf die Silberhochzeit zu konzentrieren und uns in unseren Flitterwochen mal Gedanken über unsere nächsten Jahre zu machen.
Kurz darauf machte ich „unfreiwillig Urlaub“, - ich hatte mir am rechten Arm eine Sehnenscheidenentzündung zugezogen. In diesen sechs Wochen hat man sich ständig erkundigte, wann ich wieder einsatzbereit wäre.

Im September habe ich Nadine zum Flughafen gebracht. Um 04:30 Uhr musste sie da sein. Also mussten wir früh aus dem Bett. Ich hatte nicht viel geschlafen, da ich am Vorabend erst um 22:30 Uhr von der Spätschicht nach Hause kam.
Es war hart, so früh wieder auf zustehen. Aber, es hat alles gut funktioniert, Nadine und ihre Freundin sind gut gestartet. Auf dem Heimweg haben wir Brötchen gekauft, um mit Philipp noch zu frühstücken, denn der musste bald zur Schule. Dany hat sich dann wieder hingelegt, ich habe noch ein paar Dinge erledigt und mich anschließend auf Philipps Bett gelegt. Ich habe vielleicht 2 Stunden geschlafen, als ich wach wurde. Ich war innerlich etwas unruhig, - woran es lang, weiß ich nicht. Leise bin ich ins Schlafzimmer und bin bei Dany ans Bett. Was ist los, sagte sie. Kann nicht mehr schlafen antwortete ich, bin ein bisschen unruhig. Dany sagte, dann lass uns fahren und dir für unsere Silberhochzeit einen neuen Anzug kaufen.
Einen Anzug hatte ich sehr schnell gekauft. Wenn alle Kunden so wären wie ich, dann hätten manche Geschäfte nur eine Fünfstundenwoche. Auf dem Heimweg plagte uns der Hunger. Wir beschlossen kurz, in die Bulettenschmiede Mc Donald einzukehren. Dort waren gerade griechische Wochen. Wir pflanzten uns mit unserem Gourmettablett in eine Ecke und fielen über die Köstlichkeiten des kleinen Mannes her. Ich wollte so richtig in meinen Burger beißen, da verspürte ich einen heftigen Druck in meinen Kopf, als hätte der Blitz eingeschlagen. Etwas irritiert startete ich den zweiten Biss. Wieder dieser Druck, aber nicht mehr so schlimm, wie beim ersten Mal. Beim dritten Biss war fast nichts mehr und kurz darauf waren die Unannehmlichkeiten verschwunden. Komisch dachte ich, was mag das sein? Vielleicht lag es am mangelnden Schlaf, zudem hatte ich am Abend zuvor in der Firma alte Farben entsorgt, die nicht ganz ungiftig waren. Na ja, war wohl nichts Besonderes und habe mich auch nicht weiter mehr damit befasst.


Ehe wir uns versahen, hatten wir Oktober, - und wir feierten unsere Silberhochzeit. Nach der Feier fuhren wir in die Flitterwochen – wir hatten uns wahnsinnig darauf gefreut. Viele haben uns gefragt, warum wir nicht eine gescheite Hochzeitsreise machen wollten, Strand, Palmen, Hokuspokus und Trallala, anstatt nach Österreich zufahren, wo wir schon seit 1974 unsere Urlaube verbrachten.
Wir hatten uns richtig entschieden und sind zu Hanni und Ferdl Schönauer gefahren, die in Weißenbach/Steiermark ihre Pension hatten. Hanni und Ferdl kannten jetzt schon 25 Jahre. Sie waren uns richtig ans Herz gewachsen und wir wussten, was uns dort erwarten würde. Bei ihnen konnten wir unsere Seele richtig baumeln lassen und wir genossen nicht nur die ruhige Zeit, sondern auch die schönen Spaziergängen und Wanderungen bei schönstem Wetter, - es war einfach nur schön.

Abgerundet wurde der Tag im "Dorfgasthof Zum Grafenwirt", welcher im Nachbarort ansässig war. Auch den Grafenwirt kannten wir schon 25 Jahren und konnten hier, wie jedes Jahr, unserer Gaumenfreude freien Lauf lassen. Leider machte der Grafenwirt seinen Gasthof bei Zeiten zu, die Nachsaison war zu Ende. Das hieß für uns, den Höhepunkt beim Grafenwirt vorzuverlegen. Wenn unsere Urlaube zu Ende gingen, waren Danys und meine letzte Mahlzeit beim Grafenwirt immer das "Grafenwirtsgeheimnis". Das "Grafenwirtsgeheimnis" war nicht nur unsere Henkersmahlzeit, sondern auch der abschließende Höhepunkt jeden Urlaubs.
Wir hatten die Hälfte unserer Flitterwochen um und wollten die Gelegenheit nutzen, über das zu sprechen, was wir nach unserem Streit im April beschlossen hatten, dass sich bei uns was ändern muss. Es war an der Zeit, um über unsere Zukunft Gedanken zu machen, wie es weiter gehen sollte. Uns ging es nicht schlecht, aber unter diesen Umständen sollte, ja durfte es nicht mehr weiter gehen.

Es war ein wunderschöner Tag. Strahlend blauer Himmel, die Sonne schien und es warm, - ein sehr schöner Herbsttag. Kurz entschlossen setzten wir uns in die Seilbahn und fuhren auf die Planai, einem Berg, direkt bei Schladming. Dort waren wir in den vergangenen Jahren öfters gewesen und hatten dort immer schöne Tage verlebt. Wir sind gemütlich den Panoramaweg entlang gegangen, haben die herrliche Aussicht genossen und haben uns an die schönen vergangenen Zeiten erinnert. An einer Abzweigung zu einem Gipfel haben wir halt gemacht. Diese Tour könnten wir doch im nächsten Jahr machen, schlug ich Dany vor. Sie ist nicht gefährlich und Philipp könnte auch mitgehen. Über die Bergkette zogen plötzlich dunkle Wolken und es begann, zu stürmen. Wir sind wieder zurück zur Hütte. Es passte genau, es war Mittagszeit.
Dort haben wir erst einmal was Deftiges gegessen. Mit jedem Bissen kamen Erinnerungen aus vergangenen Jahren auf. Sonst waren wir mit den Kindern hier und jetzt auf einmal alleine, - es war schon komisch. Nachdem wir uns so richtig gestärkt hatten, setzten wir uns bei schönstem Wetter vor die Hütte. Die Wolken hatten sich verzogen, wir genossen den herrlichen Ausblick und waren glücklich und zufrieden, - ein Moment, der niemals hätte aufhören sollen. Wir nutzten die Zeit, über unsere Zukunft zusprechen und wollten an unserer Lebensform einige Änderungen vornehmen. Mit der richtigen Entscheidung fuhren wir mit der Seilbahn wieder ins Tal.

Die restlichen Tage gingen sehr schnell um. Bevor wir unsere Heimreise antraten, hatten wir bei Hannerl, die wir auch 25 Jahre kannten, wie jedes Jahr Hausbrand (selbst gebrannten Obstler), bester Qualität gekauft. Jedes Mal, wenn wir Hannerl besuchten, erinnerten wir uns an die schöne Zeit, in der wir bei ihr unseren Urlaub verbrachten. Als wir uns verabschiedeten, sagte ich zu ihr, so Hannerl, dann bis nächstes Jahr, in alter Frische. Ich nahm sie in den Arm und sie sagte lächelnd in ihrem Dialekt zu mir, na, na, des glaab‘ i net. Im Auto erzählte ich Dany, was Hannerl zu mir gesagt hat, es klang irgendwie merkwürdig. Der Tag der Abreise war da. Normalerweise bricht mir das Herz, wenn wir die Heimreise antreten. Doch dieses Mal keine Spur, ich habe normal gefrühstückt, so was habe ich in den ganzen 25 Jahren nicht einmal erlebt. Wir verabschiedeten uns von Hanni, stiegen ins Auto und die Heimfahrt konnte beginnen. Das war meine erste Heimreise ohne Wehmut, weil ich fest daran geglaubt habe, in nächster Zeit öfters nach Hanni und Ferdl zu kommen.
Wenn mir jemand in diesem Moment gesagt hätte: Peter, hier kommst du nie mehr hin, ich glaube, ich hätte ihm solange mit dem Knüppel in die Fresse gehauen, bis das er lacht.

Kaum zu Hause ging der Stress weiter. Eine Kollegin im Farblabor war erkrankt, was für mich hieß, länger arbeiten, von früh morgens bis Ende Spätschicht - zwei Wochen voller Stress. Das war alles schon zur "Selbstverständlichkeit" geworden und es hat niemanden interessiert. Nach einer Woche erhielten wir die traurige Nachricht, dass Hannerl verstorben war. Mir lief es eiskalt über den Rücken, als ich an ihre Worte dachte. Wir wären gerne zu ihrer Beerdigung gefahren, doch ich war beruflich angekettet und es war nicht möglich, an ihrem Begräbnis teilzunehmen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. -- LEIDER --
An diesem Tag nahm ich meinen Zahnarzttermin wahr. Der letzte Backenzahn im Oberkiefer war sehr schlecht und musste entfernt werden. Ich bekam eine neue Zahnprothese, sie passte wie angegossen, klack - klack, ein völlig neues Beißgefühl.
Ich wollte eigentlich an diesem Nachmittag mit der Renovierung unseres Flures beginnen, doch für den Abend hatte sich plötzlich Besuch angekündigt. Stattdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, unsere Winterreifen für den bevorstehenden Winter fertig zu machen. Der Besuch verabschiedete sich am Abend und ich setzte mich mit Dany noch auf ein Gläschen Wein zusammen, wir hörten Musik und unterhielten uns. Kurz darauf gingen wir zu Bett.
Gegen 3 Uhr wurde ich wach, mit Kopfschmerzen und in einem starken Druck im Oberkiefer. Die Zahnprothese saß ziemlich stramm und ich dachte, die Kopfschmerzen kämen davon. Ich wollte aufstehen und meine Zahnprothese wechseln. Dany wurde wach und fragte, was los sei. Ich faselte schlaftrunken, dass mir die Zahnprothese drücken würde und ich Kopfschmerzen hätte, was bei mir noch nie der Fall war. Sie sagte zu mir, warte ich hole dir eben deine alte Zahnprothese. Nachdem ich sie ausgetauscht hatte, gingen die Kopfschmerzen und der Druck im Oberkiefer wieder zurück. Ich erinnerte mich, dass meine erste Zahnprothese beim ersten Mal auch ziemlich gedrückt hatte, und legte mich wieder schlafen. Als der Wecker klingelte und ich zur Arbeit wollte, weckte ich Dany und sagte ihr, dass ich zu Hause bleibe, um nachher den Arzt aufzusuchen, weil ich mich beschissen fühlte.
Ich setzte mir den Wecker, legte mich noch mal hin und schlief wieder ein. Kurz vor 8 Uhr wollte ich aufstehen und zum Arzt fahren, es ging nichts mehr. Ich sah Doppelbilder und konnte kaum auf den Beinen stehen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Dany rief sofort unseren Hausarzt Herrn Dr. Albacht an, der in Windeseile zur Stelle war. Er schaute mich an und rief sofort den Rettungswagen, der auch Ruckzuck da war. Es ging dann alles blitzschnell, ich hatte furchtbare Angst und ahnte nichts Gutes. Man packte mich auf den Sitz der Trage und es ging los. Beim Verlassen der Wohnung konnte ich auf der Küchenuhr 8:45 Uhr erkennen. Als man mich durchs Treppenhaus transportierte, blickte ich zur Wohnungstüre, in der Dany und Nadine stand. Ich fing an zu weinen und dachte, so schnell kommst du nicht wieder zurück. Es dauerte noch eine Zeit, bis man mich im Rettungswagen transportfähig gemacht hatte. Die Notärztin veranlasste mich nach Remscheid in die Klinik zu bringen, weil sie dort ein CT haben.
Auf dem Weg in ins Krankenhaus lief ein Film in mir ab. Blitzschnell zogen Bilder aus der Vergangenheit durch meine Gedanken und ich hatte wahnsinnig Angst.

Wer keine Zeit für seine Gesundheit hat,
wird eines Tages Zeit haben müssen, krank zu sein.