
Am 29. Januar waren wir wieder bei Peter. Wir haben an diesem Tag spekuliert, wann Peter aus der Reha entlassen wird. Dieser Samstag war vom Wetter her recht schmuddelig und ungemütlich. Am liebsten wäre man im Bett liegen geblieben. Als wir am Abend wieder nach Hause wollten, sind wir mit auf Peters Zimmer und haben seine Wäsche geholt. Er wollte uns noch zum Ausgang begleiten und anschließend zum Abendbrot. Vorher ist er noch ins Stationszimmer und hat seinen Blutdruck messen lassen. Der Blutdruck war ziemlich hoch und er solle nach dem Abendbrot vorbeikommen um ihn noch mal messen zu lassen.
Als wir gegen 20:00 Uhr wieder zu Hause waren, habe ich mich bei Peter zurück gemeldet. Peters Stimme klang unruhig. Er sagte mir, dass der Blutdruck immer noch sehr hoch wäre und das man ihm ein blutdrucksenkendes Mittel gegeben habe und, - er fühle sich nicht gut. Er hätte den diensthabenden Arzt verlangt, der noch bei ihm vorbei schauen wollte. Irgendwie wurde es mir in diesem Moment komisch und ich hatte plötzlich ein Scheißgefühl in der Magengegend. Ich sagte zu Peter, soll ich wieder rüber kommen? Er verneinte kurz und sagte, gleich kommt der Arzt und dann schlafe ich erst mal. Er wollte mich dann direkt morgenfrüh anrufen. Mit einem beschissenen und ängstlichen Gefühl bin ich ins Bett.
Am nächsten Morgen rief Peter an. Er sagte mir, es geht ihm beschissen und er habe panische Angst. Im gleichen Atemzug sagte er, komm bitte alleine, er wollte gleich seinen Vater anrufen und ihm zum Geburtstag gratulieren. Als Peter aufgelegt hatte, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, da ist was faul, da stimmt was nicht. Dass wir heute Schwiegervaters Geburtstag in der Cafeteria feiern wollten, habe ich schnell verdrängt. Mit einem mulmigen Gefühl habe ich mich auf den Weg nach Hilchenbach gemacht. Die kleine Geburtstagsfeier mit meinem Schwiegervater ist hiermit ins Wasser gefallen.

Als ich in sein Zimmer kam lag Peter im Bett und döste vor sich hin. Merkwürdig, irgendwie war Peter zu Nichts zu bewegen und wollte nur liegen bleiben. Peter hat kein Hunger, kein Durst, dass sagt mir, da stimmt was nicht. Nach einiger Nörgelei auf der Station kam dann der zuständige Bereitschaftsarzt setzte sich uns gegenüber und sagte“: Dann erzählen sie mal.“ Ich hab' ihn angeguckt und gedacht, ich falle vom Bett. Wir ihm? Sollte das nicht umgekehrt sein? Peter lief der kalte Schweiß über den Rücken und dann wieder die Erklärung: Sie haben sich bestimmt überanstrengt, das ist normal. Der Arzt entwickelte uns gegenüber eine schäbige Arroganz. Ich habe ihm gesagt, da stimmt doch was nicht. Aber er hat sich nicht beeindrucken lassen und blieb auf seinem Standpunkt stehen, das wäre normal. Komisch dachte ich, dass selbe hatte gestern Abend der Arzt auch zu Peter gesagt. Das stinkt doch bis zum Himmel.
Ich bin den ganzen Tag bei Peter geblieben. Während er nur geschlafen hat, habe ich mir die Zeit an seinem Laptop mit dem Spiel Solitär vertrieben. Mittags sollte Peter Wiener Schnitzel bekommen. Doch er hatte keinen Hunger. Er bat mich, ich solle das Schnitzel essen. Ich habe es versucht. Nach einigen Bissen habe ich gestreikt. Auch ich habe keinen Bissen runter bekommen. Der Abend nahte und ich wollte mich auf den Heimweg machen. Peter bat mich, den Laptop wieder mit zunehmen, den würde er in den nächsten Tagen bestimmt nicht gebrauchen. Als ich mich nach meiner Heimkehr zurückgemeldet habe, war Peter am Telefon am Weinen. Er sagte immer wieder, dass es ihm beschissen geht, dass er große Angst und das er kein gutes Gefühl habe. Die Wut stieg in mir hoch, da liegt er in einer neurologischen Fachklinik, meinem Schatz geht es beschissen, kann sich nicht richt richtig bewegen, sein Blutdruck ist viel zu hoch und der Arzt bringt nur ein arrogantes „das ist normal“ über seine Lippen. Ich fasse es nicht.
Am nächsten Morgen beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl, also anrufen. Peter ging nicht ans Telefon. Vielleicht zur Therapie? Versuche ich es später noch mal. Später wieder das gleiche, also habe ich auf der Station anrufen. Doch dort meldete sich niemand. Was war da los? Sollte ich mich ins Auto setzen und einfach hin fahren?

Ich war am Ende, die Sorge, was ist mit Peter? Ich war am Boden zerstört. In meiner Unruhe habe ich versucht, auf die Station angerufen, auf der Peter lag. Das schlägt einem glatt den Boden aus. Man sagte mir, man dürfte mir keine Auskunft geben. Was ist nun los? In meiner Verzweiflung rief ich auf der C1 an. Jetzt machte sich die gute Chemie zwischen der C1 und uns bemerkbar. Man versicherte mir, mich auf den laufenden zu halten. Die Zeit zog sich wie Gummi, meine Sorge, meine Unruhe kannte keine Grenzen. Als ich mit den Gedanken spielte, ich setze mich jetzt einfach ins Auto und fahr nach Hilchenbach, ging das Telefon. Am anderen Ende meldete sich die Station C1. Was dann kam, brachte mich ins Wanken und ich musste mich setzen. Man hatte Peter nach Siegen ins Krankenhaus gebracht, mit Verdacht auf einem neuen Schlaganfall. Meine Wut über den „arroganten Arzt“ kannte keine Grenzen mehr.

Da hatte sich mein Gefühl nicht getäuscht, mit Peter stimmt was nicht, - und das in einer neurologischen Fachklinik, ich begreife es nicht. In meinen Gedanken war ich nur noch bei Peter. Was macht er? Wie geht es ihm? Ich konnte keinen klaren Gedanken finden. Da hat Peter bombastische Fortschritte gemacht, ist ohne Gehhilfe von seiner Station zur C1 gegangen, die am anderen Ende der Klink liegt und jetzt liegt er wieder im Krankenhaus, vielleicht mit einem neuen Schlaganfall. Mir liefen die Tränen, ich war verzweifelt. Gegen Abend klingelt das Telefon und die Station C1 war dran. Eine gute und eine schlechte Nachricht habe ich für sie, Frau Arens. Die schlechte Nachricht, ihr Mann hat wieder einen Schlaganfall, aber genaues können wir noch nicht sagen. Die gute Nachricht, er kommt noch am Abend direkt aus dem Krankenhaus zu uns wieder auf die C1. Oh, dachte ich, wenn er aus dem Krankenhaus direkt wieder nach Hilchenbach und auf die C1 kommt, dann wird es bestimmt nicht so schlimm sein. Trotzdem, diese Nachricht erschütterte uns alle und wir waren am Boden zerstört.

Als ich dann am nächsten Morgen in Hilchenbach eintraf, lag Peter im Bett und weinte bitterlich. Ich bin auf ihn zu gestürmt, habe ihn in den Arm genommen und wir beide haben gemeinsam bitterliche Tränen geweint. Wir beide waren am Boden zerstört, tiefer ging es nicht mehr, es war unbeschreiblich. Es kann sich keiner vorstellen. Alles, aber auch wirklich alles fing wieder von vorne.
Also fangen wir wieder bei null an. Schlucken, sprechen, bewegen. Wir haben uns beide die Augen aus dem Kopf geweint. Doch, wir hatten es schon einmal geschafft, warum eigentlich nicht auch ein zweites Mal? Alles wieder von vorne, wie oft kann ein Mensch das schaffen? Woher nimmt man die Kraft, sofort wieder zu starten, wo wir die ganze Kraft in den ersten Schlaganfall gesteckt haben.
Ich habe so etwas noch nicht erlebt, selbst die Angestellten von der C1 kamen in sein Zimmer und hatten Tränen in den Augen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mir angewöhnt, mich mit MUDRAS und Joga zu beschäftigen. Das hat mich ein kleines bisschen auf dem Teppich gehalten. Und dennoch, es war schwer, sehr schwer, alles lief nur noch in Trance ab.
Die Fahrpläne gingen weiter, sonntags mit meinen Schwiegereltern, meine Eltern fuhren am Anfang einmal mit, mittwochs und samstags fuhr ich alleine. Woche für Woche, Monat für Monat. Was ist schon Zeit. Ich habe die Gelegenheit war genommen, bei den Therapien da bei zusein. Hier konnte ich einiges lernen, damit ich, wenn Peter wieder zu Hause ist, mit ihm diese Übungen machen kann. Für uns stand lediglich fest, nie wieder auf diese „Rausschmeiß-Station“. Von den Bediensteten hatte niemand reagiert. Sollte Peter diese Reha verlassen, dann nur von dieser Station, von der C1.

Die Fortschritte, wenn man das als Fortschritte bezeichnen darf, gingen sehr, sehr schleppend voran. Der zweite Schlaganfall hatte gewaltig seine Spuren hinterlassen. Und die zwei Halbgötter in weiß haben die Symptome mit ihrer Arroganz, „dass ist normal“ herunter gespielt. Es war schon hart zu zusehen, wie Peter kämpfte. Es war alles eine Höllenbelastung. War das etwa „auch normal?“ Aber, wir standen im Zugzwang und die Situation forderte unsere Disziplin. Wie oft habe ich mir gewünscht, es gäbe ein Knall und der zweite Schlaganfall wäre ein böser Traum gewesen. Aber das war reines Wunschdenken. Im März kam die Entscheidung, dass am 7. April 2000 die Reha für Peter zu Ende ist, sie können momentan nichts mehr für ihn tun. Die Kraft hatte bei Peter nach gelassen und er war therapiemüde.
Jetzt wurden alle Hebel in Gang gesetzt. Unser Nachbar Reinhard Noppenberger, der selbständiger Schreiner ist, wurde beauftragt, natürlich mit der freundlichen Genehmigung unseres Vermieters, im Treppenhaus einen Handlauf anzubringen, dass Peter mit seiner noch linken, funktionierenden Hand halt hatte, wenn er die Treppe ging. Gleichzeitig hatte ich Reinhard gebeten, unser Bett um 25 cm zu unterbauen. Einen kleinen Handlauf hat er noch in unserem Flur angebracht, damit Peter daran Gymnastik und diverse Übungen machen konnte.

Bei Tanja Schäfer vom Sozialdienst hatten wir beide einen Termin. Sie unterrichtete uns über Maßnahmen, die anstanden. Bei Frau Hahn wurden die sanitären Hilfsmittel wie Badewannenlift, Haltegriffe etc. ausgesucht, die Frau Hahn bei einem Sanitätshaus in unserer Nähe in Auftrag gab. Peters Physiotherapeutin Tanja hatte die Maße für den Rollstuhl genommen und ebenfalls beim Sanitätshaus in Auftrag gegeben, damit alles bereit steht, wenn Peter aus der Reha kommt. Mir qualmte der Kopf und ich wäre froh, wenn der ganze Spuk bald vorbei wäre. Auf der C1 kam Pfleger Frank auf mich zu und sagte, Frau Arens, wir werden demnächst mal üben, wie man eine Thrombosespritze setzt. Wie sagte ich, ich soll? Ja sagte Pfleger Frank, sie werden. Einige Tage später habe ich an einer, mit einem Socken überzogene Apfelsine geübt, wie man eine Thrombosespritze setzt. Ich staunte nicht schlecht, ich konnte es.
Alles war erledigt und vorbereitet und ich trat meine letzte Fahrt nach Hilchenbach an. Ein letztes mal genoss ich den Kaffee und das Brötchen, was mir Peter immer übrig gelassen hatte, wenn ich frühmorgens kam. Ein letztes mal haben wir unser Mittagessen geteilt, halb die Mahlzeit aus der Klinik, halb die Mahlzeit aus dem Henkelmann. Am Nachmittag bin ich mit Peter bei allen Therapeuten vorbei und wir haben uns dankend verabschiedet. Zum Schluss haben wir mit Herrn Wagner, Peters Logopäde in der Cafeteria noch einen Kaffee getrunken. Dann ging es auf die Station, wir haben die letzten Sachen ins Auto verstaut. Der Zeitpunkt war da, jetzt hieß es Abschied nehmen. Es hätte fast geklappt, dass Peter „die Reha gehend verlassen“ hätte. Leider war das nicht möglich, weil jemand gesagt hat, „dass ist normal“.
Peter hatte auf seinem Laptop ein großes Dankeschön geschrieben, was ich ausgedruckt habe und in einen Bilderrahmen gesteckt habe. Nadine hat die Fotos, die ich von der Station gemacht habe etwas verändert und diese ebenfalls ausgedruckt. Diese habe ich in einem großen Bilderrahmen platziert. Als die Übergabe war, haben wir uns mit den beiden Bilderrahmen auf den Weg ins Stationszimmer gemacht. Wir haben uns schweren Herzens bei allen Anwesenden für die freundliche, hervorragende und liebevolle Betreuung während meiner Zeit auf der C1 bedankt. Wenn wir gekonnt hätten, dann hätten wir ALLE adoptiert.
An dieser Stelle möchte ich mich bei den beiden Ärzten, die an dem Wochenende 29. und 30. Januar Dienst hatten recht herzlich bedanken. Sie haben unserem Leben mit ihrem, „dass ist normal“, ein gewisses ETWAS verliehen.

Ich steuerte unseren Wagen mit den Gedanken, „wie wird es weiter gehen“ nach Hause.

Was der Augenblick geboren, schlang der Augenblick hinab!