Der Tag war da, am 07.12.1999 ging es frühmorgens nach Hilchenbach, im Siegerland. Schon zwei Tage später hatte ich so eine Sehnsucht, dass ich mir meinen „anderen Mann“ geschnappt habe und mich mit ihm auf den Weg gemacht habe. Autobahn, Landstraße, sind wir noch auf der richtigen Straße, sagte ich verunsichert? Fahren wir noch ein Stück weiter, meinte Philipp, umdrehen können wir immer noch.

Wir beide haben es geschafft. Was für eine tolle REHA-Klinik, welch eine Überraschung.

Peter lag in einem wunderschönen, großen, hellen und freundlichen Zimmer. Sein Bett stand direkt am Fenster, mit Blick auf den Park. Aber das nützte ihm im Augenblick nichts, durch seine Doppelbilder war für ihn alles schwer einzuschätzen. Als wir ins Zimmer kamen, da liefen die Freudentränen. Peter erzählte uns von seinem Katheder, der total verstopft war und das er sich eine Harnwegsentzündung eingefangen hat. An seinem Infusionsständer hing ein großer Plastikbeutel mit einer Kochsalzlösung gefüllt. Man hat ihm zahlreiche Plastikbeutel mit dieser Kochsalzlösung durch die Blase gejagt. Peter scherzte schon wieder und meinte, er käme sich vor, wie ein Wasserkraftwerk. Es ging ihm nach der Harnwegsentzündung langsam wieder besser. Und wieder winzige, kleine Fortschritte. Wir sind frühzeitig wieder nach Hause, weil wir nicht im Dunkeln fahren wollten. Als wir am Abend wieder von unserer Spritztour zurück waren, waren wir von der Klinik sehr beeindruckt. Wir waren überglücklich, dass Peter eine so tolle Reha vorgefunden hat. Wir waren zuversichtlich, es geht aufwärts. 

Wir entwickelten ein Konzept. Samstagsmittag fuhr ich mit den Kindern nach Hilchenbach. Am Abend nahm ich Peters Wäsche mit, welche vom Auto direkt in die Waschmaschine wanderte. Dank Trockner konnte ich die Wäsche etwas später bügeln und für den nächsten Tag wieder einpacken.  Meine Schwiegereltern waren am anderen Tag kurz vor Mittag bei uns. Sie sind dann zu uns ins Auto gestiegen und es ging wieder nach Hilchenbach. Dort wurde nach der Begrüßung die Wäsche wieder eingeräumt. Am Anfang lag Peter noch im Bett und wir verbrachten die Besuchszeit auf seinem Zimmer. Nun war es an der Zeit, ein Telefon anzumelden. Peter sträubte sich sehr, doch ich habe ihn solange genervt, bis er gesagt hat: OK, melde an, dann habe ich wenigstens Ruhe. Für Peter stellte sich im Nachhinein heraus, es war doch gut, weil ich mich bei ihm zurück melden konnte, wenn ich wieder zu Hause war

Im Laufe der Zeit lernte man auf der Station viele, liebe Menschen kennen. Menschen die sich um meinen Schatz bemühten, die jederzeit meine vielen Fragen beantworteten. Diese nette Art habe ich belohnt, indem ich mich mit selbstgebackenen Kuchen bedankte oder schon mal eine Dose mit Süßigkeiten ins Stationszimmer gestellt habe. Soviel Zeit muss sein, für ein Dankeschön... 

Weihnachten... oh Graus!

Die Fortschritte bei Peter nahmen langsam und allmählich zu. Eigentlich Woche für Woche. Mit dem Sprechen und dem Schlucken hat er riesengroße Fortschritte gemacht. Er war gut zu verstehen und er durfte wieder normal essen und auch trinken. Dann stand Weihnachten bevor. Zu Hause kam überhaupt keine Stimmung auf, ohne Papa - kein Weihnachtsbaum. Weihnachten fällt dieses Jahr ins Wasser. Heiligabend bin ich mit den Kindern zu Peter gefahren. Die Stimmung war geknickt, ich wusste nicht, bin ich wütend, bin ich traurig oder soll ich mich lieber auf die kommenden Fortschritte freuen, die kommen werden?  Ich war nicht Fisch, nicht Fleisch. Da komme ich mit einem dicken Kloß im Hals in die Reha und werde direkt überrascht. Wir haben kaum die Sachen ausgepackt, da drängte Peter mich, stell’ dich bitte ans Fußende meines Bettes. Aufregt dirigierte er mich vors Bett. Er fuhr mit dem Rollstuhl vor mich, machte die Bremsen fest, stand auf und nahm mich in den Arm. Meine geknickte Stimmung? Die war auf einmal weg und Tränen liefen, Quatsch, Freudentränen liefen. Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Der Reigen war eröffnet, Nadine und Philipp wollten von diesem Weihnachtsgeschenk auch ein Stück ab haben. Trotz der beklemmenden Umstände haben wir den Heiligabend schön und harmonisch verbracht.

Am ersten Weihnachten haben wir Peters Eltern mitgenommen. Im Gepäck waren Omas eingelegte Heringe und ihr selbstgemachter Heringssalat, was eine Pflichtkür an jeden Weihnachten war. Auch dieser Tag war wunderschön. Das liegt scheinbar in der Familie, dass wir sehr gut improvisieren können, um es auch in solchen Situationen so angenehm, wie möglich zu machen. Die Chemie zwischen uns ist einfach perfekt!

Am zweiten Weihnachtsfeiertag wollten meine Eltern mit nach Peter. Das Wetter hatte sich verändert und es hatte leicht geschneit. Sie haben direkt am Morgen angerufen und haben abgesagt. Da blieb mir nichts anderes übrig, als alleine zu fahren. Mir war nicht wohl, bei diesem Wetter alleine nach Hilchenbach zu fahren, zumal die Strecke durchs Oberbergische führt. Da steppt öfters der Bär. Aber ich wollte zu meinem Schatz. Je weiter ich ins Oberbergische kam, desto schlechter wurde das Wetter und dementsprechend waren die Straßenverhältnisse. Auf halben Weg wurden die Straßen glatter und ich bekam Angst. Kurz entschlossen hielt ich an und rief meinen Schwiegervater an, er möchte bitte Peter anrufen und ihm ausrichten, dass ich wegen der schlechten Wetter- und Straßenverhältnisse umgekehrt bin und ich würde ihn von zu Hause anrufen. Traurig trat ich den Rückzug an.

Sylvester naht, es geht ins Jahr 2000

Zu dieser Zeit hatten Angehörige die Gelegenheit, sich in der Reha ein Zimmer zu nehmen. Kinder und Eltern waren sofort der Meinung, dass ich über Sylvester und Neujahr bei Peter bleiben sollte. Peter hatte für mich an der Rezeption ein Zimmer für 7 Tage reservieren lassen. Da konnte ich wieder sehen, dass Peter enorme Fortschritte in Sachen Selbstständigkeit gemacht hat. Für uns beide sollte eine schöne Woche bevorstehen. Wir haben sehr viel Spaß gehabt und haben oft Tränen gelacht. Wenn ich abends zu Bett ging, konnte ich von meinem Zimmer ins Nachbargebäude in Peters Zimmer sehen. Er fuhr mit dem Rollstuhl ans Fenster und winkte mir zu. Mit viel Logopädie, Ergo- und Physiotherapie kamen langsam einige Bewegungen wieder, dass motivierte ungemein. Rundum fühlten wir uns beide gut aufgehoben in Hilchenbach.

Das Jahr 2000, es begann und man hatte nur eins im Kopf: Es kann nur noch, nein, besser gesagt, es wird noch besser werden. Am 5. Januar musste Peter ins Krankenhaus. Es war nichts Schlimmes. Ihm wurde die Magensonde (PEG) wieder entfernt. Ich war überglücklich, Peter normalisierte sich wieder, keine Kabel, keinen Katheder und keine Magensonde (PEG) mehr, er war wieder ein freier Mensch. Während er im Krankenhaus war, wurden seine Sachen umgeräumt. Er hatte von da an, ein Einzelzimmer. Glücklich und zufrieden haben mich die Kinder nach meinem Kurzurlaub bei Peter wieder abgeholt. Zuversichtlich starteten wir ins Jahr 2000.

Nach zwei Wochen kam ich mit den Kindern wie jeden Samstag nach Peter. Als wir durch die Eingangshalle gingen, rief hinter uns jemand: Hallo, hier bin ich. Als wir uns umgedreht hatten, stand Peter da, am Rollator. Langsam kam er auf uns zu und strahlte übers ganze Gesicht. Ich konnte es nicht glauben, mein Schatz nicht mehr im Rollstuhl. Das neue Jahr fing super an.

Heiliger Strohsack, dass grenzt fast an ein Wunder.

Jeden Tag neue Fortschritte – sollten wir uns wirklich auf dem Weg befinden, alles glücklich zu überstehen? Peters Punktekonto, was seine Wiederherstellung angeht, war weit überschritten. Die  Zeit war gekommen, die Station C1 zu verlassen und auf die sogenannte „Rausschmeißstation“ um zu ziehen. Irgendwie viel uns der Abschied sehr schwer. Doch wir wurden getröstet, dass wir ja immer noch im Hause wären.

Wir hatten das Gefühl, eine große Familie zu verlassen.

Was der Augenblick geboren, schlang der Augenblick hinab!