
Unendlich langes Warten um dann einen Mann vorzufinden, der auf der Intensivstation lag und absolut NICHTS mehr konnte. Mein Gott, wie konnte das geschehen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und konnte es nicht begreifen, was war geschehen?
Nach einer kurzen Unterredung mit dem zuständigen Arzt, hieß es Ponsinfarkt, inoperabel, machen sie sich mit einem Beerdigungsinstitut vertraut. Fahren sie wieder nach Hause, sie können im Moment sowieso nichts tun. Der Blitz schlug ein. Wie sollte ich das unseren Kindern beibringen, wie seinen Eltern? Warum, warum, warum? Plötzlich so viele Fragen und keine Antworten.
Mit dem Arzt habe ich nie wieder ein Wort gewechselt. Ich habe danach einen anderen Arzt angesprochen und ihm erklärt, dass ich mit seinem Kollegen nicht mehr reden möchte, ob er nicht mein Ansprechpartner sein wolle.
Wir sind dann wieder nach Hause gefahren und ich habe die Eltern informiert. Der Schrei meiner Schwiegermutter hängt mir heute noch in den Ohren. Das Gesicht von unserem Sohn Philipp und sein strahlender Optimismus „der Papa schafft das“, erwärmte mein Herz ein kleines bisschen.
Die erste Nacht alleine schlafen ging gar nicht. Also musste Philipp her. Am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus mit der Hoffnung auf eine Veränderung, aber nein, natürlich nicht. Etliche Schläuche, erschreckende Geräusche und einen Mann, der nur noch mit den Augen reden konnte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich immer gesagt: “Du hast Augen wie blaue Bergseen“, weil seine blauen Augen immer voller Tränen standen.
Was macht man in so einem Fall. Spielt man die Starke? Erklärt man mit dem Wissen, Optimismus? Ich denke, wenn man sich so viele Jahre von Herzen liebt, kann man seinem Partner nichts vorspielen. So vergingen die Tage. Tagsüber Haushalt, Kinder, nachmittags Krankenhaus, danach abends Telefonate mit Freunden und Berichterstattungen an die Eltern.
Einen Tag komme ich zu ihm und sie haben ihn in ein anderes Zimmer geschoben. Es war eingeteilt in 3 Abteilungen, wo keiner, den anderen sehen konnte. Unheimliche Stille nur das Röcheln eines Sterbenden.

Peter liegt auch dort. Sein Blick war nur an die Decke gerichtet. Seine blauen Augen waren tiefe blaue Seen, die einfach nur noch Erlösung wollen. In meiner Verzweiflung bearbeite ich ihn: Du kannst mich jetzt nicht alleine lassen, denke an die Kinder, an deine Eltern, kämpfe, wir schaffen das schon, irgendwie kommt alles ins Lot. Ich glaube, ich bin richtig ungehalten geworden in meiner Verzweiflung, ich habe wie eine Bekloppte auf ihn eingeredet. Irgendwann richtete er seinen Blick auf mich und die blauen Seen, liefen über und er fing an zu lächeln. Meine Rederei wurde belohnt und etwas Sonnenschein streifte seine blauen Bergseen.
In dieser Nacht passierte etwas Seltsames. Im Schlaf bemerkte ich wie sich jemand auf meine Bettkante setzte und über meine Hand strich. Der Geruch nach Lavendel ging durch meine Nase und ich hörte meine Oma, die schon lange verstorben ist, sagen: Mach dir nicht so viel Sorgen, Peters Zeit ist noch nicht gekommen“. Zack, war ich wach, gezittert wie Espenlaub, die Hand, den Geruch immer noch präsent.
Irgendwie konnte der Vormittag nicht schnell genug vorbei gehen und heute sollte ich meinen Schwiegervater mitnehmen. Oh, Peter wieder in einem anderen Zimmer? Jetzt musste erst einmal wieder abgesaugt werden, ich durfte dabei sein und Hand halten. MEIN GOTT WIE GRAUSAM. Danach durfte mein Schwiegervater zu seinem Sohn. Er gab sich standhaft und versuchte, alles zu begreifen, was er vor Augen hatte. Auf dem Weg nach Hause war Funkstille im Auto und dann sagte er mit tränenerstickender Stimme: „Hoffentlich geht Peter nicht vor mir“.
So vergingen die Tage. Die Telefonate am Abend verliefen jetzt anders. Es wurde einer benachrichtigt und der informierte den Nächsten. Unser Anrufbeantworter war trotzdem bis an den Rand voll.

Dann kam der Tag an dem unser Philipp mit zum Papa wollte. Voller Optimismus ging er an sein Bett, hat Peter sofort die neusten Schulvorkommnisse berichtete und babbelte und babbelte und babbelte, scherzte, herzte und küsste seinen Vater, als wenn Nichts, aber auch gar Nichts passiert wäre.
Da Peter weder essen, noch trinken durfte, sollte bei ihm eine Magensonde (PEG) gelegt werden. Er konnte für den Eingriff nicht unterschreiben und ich hatte keine Vollmacht von Peter. Wer denkt daran, wenn im Leben alles glatt läuft, dass eine Vollmacht für solche Situationen äußerst wichtig ist. Ich glaube, die Wenigsten. Langsam versuchte man, ob Peter Götterspeise essen könnte. Götterspeise hatte den Vorteil, sie schleimt nicht so wie Pudding. Götterspeise war eine Art Trinkersatz. Es funktionierte, auf Götterspeise sprach Peter an und konnte sie hervorragend schlucken. Die Götterspeise wurde Peters Lieblingsgericht, er konnte nicht genug davon bekommen. Somit schleppte Palettenweise die Götterspeise ins Krankenhaus.

Ein großes Problem, wir konnten uns nicht verständigen, welches ständig für Tränen sorgte. Plötzlich kamen wir in eine Situation, wo Peter vor lauter Wut, eine Art „A“ hervorbrachte. Ich war erstaunt und sagte auch „A“. Peter fing an zu lachen und signalisierte mit seinem Blick, mach weiter. Als ich wieder „A“ sagte, verzog er das Gesicht. Geistesgegenwärtig brachte ich ein „B“ über die Lippen. Wieder verzog er das Gesicht. Da begann ich, das „ABC“ aufzusagen. Beim richtigen Buchstaben lachte Peter. Wir hatten den Durchbruch geschafft, wir konnten uns verständigen. Es war zwar am Anfang schwer, aber, es hat funktioniert.
Irgendwann kam ich dann auf die Intensivstation und es wurde mir gesagt, man habe Peter auf die „Überwachungsstation“ verlegen können. Mein Herz machte einen riesigen Hupfer. Hell, sonnig, wunderschön war das Zimmer. Ich hätte nie gedacht, dass ein Krankenhauszimmer so toll sein kann.
Drei Wochen ein Wechselbad der Gefühle. Ich habe in der Zeit so oft gebadet, dass ich schon ganz schrumpelig war. Aber, hier in der Wanne, war ich alleine konnte meinen Tränen freien Lauf lassen, konnte mit der Welt und Gott hadern, ohne meinen Kindern mein eigenes Leid zeigen zu müssen. Hier konnte ich Rotz und Wasser heulen, wenn ich immer gedacht habe, ich habe keine Kraft mehr, - ich kann nicht mehr. Hier hatte ich Momente, wo ich gesagt habe: Mensch reiß dich zusammen du hast Kinder und Eltern. Hier hatte ich auch Momente, wo ich gebetet habe: Lieber Gott, bitte, bitte, lass mir das Wichtigste in meinem Leben, ich werde dich auch nie wieder um einen Gefallen bitten.“
Und dieser Spruch geht mir nicht mehr aus dem Kopf:
WENN MAN SEIN SCHICKSAL FÜR DAS SCHEINBAR SCHWERSTE HÄLT,
SO SOLL MAN NIE VERGESSEN,
DASS ES ANDERE GESCHICKE GIBT,
DIE VIELLEICHT NOCH SCHWERER SIND.
Auf der neuen Station wurde die Tür nur zu den Besuchszeiten geöffnet. Überpünktlich habe ich an einem Tag geklingelt und machte kurz darauf die Bekanntschaft mit Schwester „Rabbiata“. Hier kommen nur Leute rein die sich an die Zeiten halten. Alles egal, nur weg von der Intensiv.
Ganz langsam machte mein Schatz Fortschritte. Im Schneckentempo und man war im Herzen wieder voller Hoffnung. Der Tag kam, als es in die Reha nach Hilchenbach ging.

Wenn du mal stolperst,
dann lass dich nicht fallen,
steh auf und kämpfe weiter.